Über (die Bedeutung von) Bewertungen

Wie üblich ein kleiner Disclaimer: Ich versuche mit diesem Beitrag nicht, allgemeingültige Aussagen zu machen. Ich spreche über meine Überlegungen, und nur über das – aber hoffe natürlich, euch anzuregen, euch eure eigenen Gedanken über das Thema zu machen. Oder ich verschwende im Folgenden zehn Minuten eurer Zeit, weil ich mit diesen Überlegungen zehn Jahre zu spät dran bin oder so – in dem Fall tut es mir leid.

 

Als Buchblogger*in kommt man spätestens beim Schreiben der ersten Rezension nicht mehr daran vorbei, sich etwas zu seinem Bewertungssystem zu überlegen. Ob man jetzt Sterne, Herzen, Federn vergibt, fünf oder zehn oder halbe Punkte, ob man etwas ganz anderes austüftelt oder sich gegen ein System entscheidet. Vielleicht für ein Fazit, aber gegen eine numerische Indikation für den „Wert“ eines Buches. Und vielleicht kann ich für mehrere sprechen, wenn ich sage, dass man hin und wieder an die Grenzen ebendieses Bewertungssystems stößt und dieser Grenzen vielleicht sogar mit einer gewissen Frustration begegnet.
Kurzer Einschub: Mein Bewertungssystem besteht aus fünf Sternen (bzw. auf dem Blog als Herzen repräsentiert) und ich vergebe halbe Sterne. Bei Plattformen wie Goodreads und Lovelybooks, wo man nur volle Sterne vergeben kann, runde ich – bis auf vereinzelte Ausnahmen (da sind sie schon wieder, die Grenzen!) – ab.
Ein paar Beispiele, die mir begegnet sind: Ich hatte nichts an einem Buch auszusetzen, hatte aber doch das Gefühl, dass es „nur“ vier Sterne verdient hatte. Ich fragte mich, wie ich meinem Lieblingsbuch fünf Sterne geben kann, aber auch anderen Büchern fünf Sterne gebe, die ich zwar liebe, aber nicht zu meinen Lieblingsbüchern zählen würde. Ich las Bücher mit problematischen Inhalten und stand vor der Frage, wie ich das bewerten soll – man kann ja schlecht in Zahlen aufwiegen, wie sehr potentielle Leser*innen verletzt werden können.
Und ich schaue mir alte Rezensionen an, in denen ich Bücher (um einiges) besser bewertet habe, als ich sie jetzt bewerten würde. Diese Überlegungen – und letztlich der Beitrag – wurden von diesem Video der Booktuberin emmmabooks ausgelöst. In dem Video nimmt sie ihre Bewertungsskala auseinander, ordnet den Zahlen Wertungen zu; ich denke, dass das nicht für mich funktionieren würde. Aber skaliere ich meine Bewertung von Buch zu Buch neu? Ja. Nein. Ich muss allerdings nicken, als Emma anmerkt, dass sie früher drei Sterne schon als schlecht empfand – diese drei Sterne jetzt aber schlichtweg ein okayes Buch indizieren.
Auch beim genaueren Nachdenken darüber bleibe ich davon überzeugt, dass ich nicht eine Skala von wegen 5 Sterne – perfekt!, 4 Sterne – toll!, 3 Sterne – okay! ansetzen kann, obwohl es im Groben wohl stimmt. Aber eben nicht immer. Ich habe Büchern fünf Sterne gegeben, an denen ich durchaus etwas auszusetzen hatte, die mich am Ende aber einfach für sich gewinnen konnten. Bücher, wo ich wusste, dass sie objektiv betrachtet einige Schwächen haben, andererseits erkennen konnte, dass sie zu genau dem richtigen Zeitpunkt in mein Leben traten. Ich habe zwei Sterne-Bücher gelesen, bei denen ich immer noch zum zweiten Band greifen würde, und zwei Sterne-Bücher, bei denen ich mich um die verschwendete Zeit ärgere. Ich kann meine Bewertungen nicht aufwiegen – und ich wage ohnehin zu behaupten, dass das den Sinn und Zweck des Ganzen verfehlen würde.
Das ist ja schön und gut, sagt ihr vielleicht. Oder: Das betrifft ja nur Blogger*innen. Vielleicht auch: Also, beim Schreiben meiner Rezensionen handhabe ich das ganz anders.
 
Habt ihr allerdings schon mal daran gedacht, wie Rezensionen rezipiert werden? Nicht nur, wie eure Rezensionen von anderen Leser- und Blogger*innen rezipiert werden, sondern vielmehr auch, wie ihr andere Rezensionen aufnehmt. Ich persönlich schaue immer zuerst auf die Bewertung. Bei Goodreads, Lovelybooks und Co. ist das ja sowieso unvermeidlich, aber auch bei Rezensionen auf Blogs scrolle ich zuerst einmal nach unten und schaue mir die Bewertung oder das Fazit an. Manchmal klicke ich eine miese Rezension weg (zugegeben: bei meinen Lieblingsbüchern habe ich stellenweise die Kritikfähigkeit von einem Stein), manchmal eine gute, weil ich das Buch selbst nicht mochte und mir das Lob nicht anhören will, es dem Rezensenten oder der Rezensentin aber natürlich nicht absprechen möchte. Wie auch immer: Fakt ist, dass ich zuerst nach unten scrolle. Dass ich wissen muss, mit was für einer Rezension ich zu rechnen habe. Und ich wage zu behaupten, dass das eine miese Angewohnheit ist. (Vielleicht ist das auch der Zeitpunkt, an dem man mir erklärt, dass ich die Einzige bin, die das macht.) Weil ich ja gar nicht weiß, ob der/die Verfasser*in des Textes denselben Bewertungsstandard hat wie ich. Oh, warte – ich habe ja gar keinen Bewertungsstandard.

Und das ist es, was für mich am Ende des Tages der springende Punkt ist. Dass es keine allgemeingültige Meinung zu Büchern gibt, liegt auf der Hand; dass unsere Leseerfahrungen und Rezensionen niemals objektiv sein werden und auch nicht sein sollen, ist die andere Hälfte der Medaille. Wir teilen diese Meinungen allerdings – und zumindest ich erhebe für mich den Anspruch, das auf eine Art und Weise zu tun, die es anderen ermöglicht, meine Bewertung nachzuvollziehen. Ob meine Kritikpunkte in den Augen des Lesers oder der Leserin genauso schwer wiegen werden, kann ich nicht prophezeien. Vielleicht würden sie dem Buch einen Stern mehr oder weniger geben – oder gar keine Sterne, weil das nicht ihr Ding ist. Ich sehe es allerdings in dem Rahmen meiner Verantwortung, darauf hinzuweisen – und das selbst in Fällen, wenn meine Bewertung noch subjektiver als gewohnt ist.* Ich hatte nur bis vor kurzem nie realisiert, dass ich diesen Standard nicht beim Lesen von Rezensionen erhob. Dass drei oder vier Sterne zwar eine ganz hübsche Zahl sind, aber auch, dass sie nicht sonderlich viel über das Buch aussagen außer der vagen Anmaßung, dass es weder perfekt noch ein totaler Reinfall war.

*Wie im Falle von Scythe, an dem ich eigentlich nichts auszusetzen hatte, aber dem Buch trotzdem nur vier Sterne gab. Oder im Falle zu The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue, das einfach zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben kam. Oder Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt, das mir nicht so gut gefallen hatte, weil es ein paar Aspekte enthält, die ich einfach nicht gerne lese. Ihr erinnert euch vielleicht an die Diskussion von ein paar Wochen, als eine Autorin eine Rezension anprangerte, weil der Rezensierende weniger ein Fan des Genres war und das in die Bewertung miteinbezogen hatte. Das suggeriert aber, dass es „richtige“ und „falsche“ Rezensionen gibt, was in meinen Augen nicht zutrifft – wenn wir nicht frei sind, unsere Bewertungskriterien zu wählen, dann ist doch der ganze Sinn und Zweck des Rezensierens verloren gegangen.

Man könnte fragen, warum man dann immer noch in Sternen und Herzen bewertet, wenn dieses System so stark zu voreiligen Schlüssen verleitet. Auch das ist eine Frage, die ich nur für mich beantworten kann: Weil es mir hilft, Bücher einzuordnen. Es ist eine grobe Einordnung, ja, aber auch hilfreich, wenn man 100 Bücher im Jahr liest und nicht jedes einzelne fünf Sterne-Buch im Hinterkopf parat hat.
Gleichzeitig gibt es, wie gesagt, keine perfekte Lösung. Ich könnte niemals ohne Sterne bewerten (okay, Graphic Novels ausgenommen), ich könnte auch nicht diese kategorischen Beurteilungen machen, die ich bei anderen Blogger*innen gesehen habe. Weil ich persönlich einfach nicht bei jedem Buch denselben Bewertungsmaßstab ansetzen kann – nur, weil ich Contemporarys weniger lese und sie grundsätzlich für mich tendenziell eine leichtere Lektüre darstellen, heißt das doch noch lange nicht, dass es unter ihnen nicht auch bessere und schlechtere Vertreter gibt und ich keine fünf Sterne vergeben sollte, weil sie nicht an meine bevorzugten Fantasy-Lektüren herankommen – und weil ich manche Kategorien bei manchem Buch einfach nicht als relevant zu diskutieren empfinde und manche Aspekte (das Cover zum Beispiel) niemals in die Bewertung miteinbeziehen würde. Das heißt allerdings eben nicht, dass es für andere nicht das bestmögliche System ist.
Die Betonung liegt auf bestmöglich. Denn der Mangel an Allgemeingültigkeit ist ja kein Manko, und die Subjektivität in unseren Rezensionen und in unserer Rezeption anderer Rezensionen ist kein Schandfleck, nichts, das wir ändern sollten oder an dem zwanghaft gearbeitet werden müsste. Aber ich glaube, es kann nicht schaden, sich dem hin und wieder ein bisschen bewusst zu werden.

7 thoughts on “Über (die Bedeutung von) Bewertungen

  1. Ein sehr schöner Beitrag! Du sprichst mir vollkommen aus der Seele. Vor ein paar Monaten war ich auch an diesem Punkt, wo ich mein Bewertungssystem und Bewerungssysteme im Allgemeinen komplett in Frage gestellt habe. Dabei ist dieser Beitrag entstanden: https://ricysreadingcorner.de/2018/02/12/ueber-buchbewertungen-und-mein-bewertungssystem/
    Daraufhin habe ich angefangen, meine Bewertungen in Form von Sternen sehr viel lockerer zu sehen, da man – wie du ja auch sagst- sowieso nie nach den exakt gleichen Vorgaben bewertet.
    Mir persönlich ist auch das Fazit am wichtigsten. Es ist das, was ich bei anderen Blogger*innen immer als erstes lese. Auf die Sterne-Bewertung achte ich dann kaum noch. Deshalb versuche ich da auch immer meinen gesamten Eindruck nochmal knapp wiederzugeben in der Hoffnung, dass es von den Lesern genauso viel Aufmerksamkeit bekommt wie die Sterne-Bewertung (am besten natürlich noch mehr). Bestätigt in dieser Vorgehensweise hat mich die Aussage einer Bekannten, nachdem sie meine Rezension (in der ich das Buch in höchsten Tönen gelobt habe) gelesen hat. Sie sagte, sie hätte einfach gemerkt, dass sie sich etwas vollkommen anderes unter dem Buch vorgestellt hätte und es deshalb lieber doch nicht lesen wollte. Obwohl es von mir so gut bewertet wurde.
    Und das ist es doch worum es geht: dem Leser einen möglichst guten Gesamteindruck vom Buch zu vermitteln. Das ist durch eine Sterne-Bewertung halt nicht möglich, da sehr subjektiv…
    Ganz wegfallen lassen möchte ich die Sterne aber auch nicht, da die großen Portale diese einfach weiterhin fordern und sie da ja auch Sinn machen, um die Menge an Bewertungen irgendwie einzuordnen.

    LG
    Ricy

  2. Liebe Ricy,

    deinem Kommentar kann ich absolut so unterschreiben! Auch die Erfahrung deiner Bekannten kann ich nachvollziehen – gerade deshalb sind Rezensionen auch so wertvoll, wenn man das besprochene Buch noch nicht kennt: Durch die verschiedenen Perspektiven kann man ganz unterschiedliche Schwerpunkte entdecken und herausfinden, ob man das Buch selbst lesen möchte.

    Danke für deinen tollen Kommentar!

    Alles Liebe
    Isabella

  3. Liebe Isabella,

    ich muss sagen, genau aus den Gründen sehe ich (als Leser) die Bewertungen mittlerweile nur noch als Orientierung. Einfach um die Grundeinstellung einschätzen zu können. Zugegebenermaßen gibt es auch sehr wenige Rezensionen, die ich lese, bevor ich das Buch selbst gelesen habe. Meistens scrolle ich da auch sehr gerne zum Ende und lese nur das Fazit.

    Anders ist das allerdings bei Blogs, bei denen ich eher an den Gedanken der Person selbst als am Buch interessiert bin und deren Meinung ich einfach vertraue. So nach dem Motto: „keine Ahnung, worum es geht, aber wenn du es magst, mag ich es bestimmt auch“ (Bei dir ist das zum Beispiel ganz oft so *schleim*).

    Nein, im Ernst.

    Bei meinen eigenen Rezensionen geht es mir auch ganz oft so. Theoretisch habe ich schon ein System, aber es ergibt oft genug keinen Sinn – also ist es irgendwie doch keins. Manchmal gebe ich einem Buch bei goodreads eine Bewertung und stelle dann beim Schreiben der Rezension fest, dass ich doch ganz schön viel zu meckern habe und das Buch eigentlich gar keine so gute Bewertung „verdient“ hat, ändere im Nachhinein aber auch nichts mehr.

    Deswegen finde ich den Eindruck, der mit dem tatsächlichen Text vermittelt wird so wichtig. Nach dem Lesen meiner Meinung kann ja am Ende auch jeder selbst entscheiden, ob er dem Buch die gleiche Bewertung gegeben hätte oder nicht. Und wenn ich bei meinem System selbst an meine Grenzen stoße, lasse ich sie einfach weg (zum Beispiel bei "The Cursed Child" oder "Turtles All The Way Down" letztes Jahr). Warum auch nicht? Da muss dann eben wirklich der Text gelesen werden, weil der sowieso viel mehr aussagt als ein paar Zahlen je könnten.

    Alles Liebe
    Aileen

  4. Hallo! Sehr schöner Post, über das Thema mache ich mir auch immer wieder Gedanken.
    Natürlich sind Rezensionen im allgemeinen schon total subjektiv und eigentlich gar nicht miteinander vergleichbar, da macht die Punktevergabe es noch ein wenig repräsentativer. Aber nur ein wenig, da ja auch wieder jeder anders bewertet, natürlich!
    Ich habe auch oft nichts an einem Buch auszusetzen, außer der Tatsache, dass mein Gefühl mir sagt, ihm keine 5/5 Punkte zu geben. Genau, wie du schon erwähnt hast, gibt es auch bei mir innerhalb eine Punktekategorie totale Unterschiede. Das eine Buch bekommt 3 Sterne und ich sehe das sehr negativ, dem nächsten gebe ich 3 Sterne, aber ich fand es eigentlich ziemlich gut. Ich kann eigentlich nicht mal wirklich auf meinem eigenen Blog alle Rezensionen zueinander in Relation stellen, weil es jedes Mal eine Bauchentscheidung ist.

    Ich glaube, das Fazit in Form von Punkten sollte gar nicht weiter so arg beachtet werden. Es ist ja auch irgendwie total egal, wie viele volle oder halbe Punkte ich verteile. Wenn ich in meiner Rezension meine Meinung gut begründe, bräuchte ich das gar nicht.

    Liebst, Lara von Fairylightbooks 🙂

  5. Liebe Aileen,

    ja, du hast recht – als grobe Orientierung können Bewertungen echt ganz gut taugen. 😀 Und danke für die Schleimerei, die nehme ich gerne an. 😛 Ich verstehe aber, was du meinst – man hat immer ein paar Menschen, deren Meinungen man besonders wertschätzt (und zu denen du bei mir definitiv auch gehörst), und mit denen man sich einfach noch mal eingehender mit beschäftigt.

    Ahh, der Fall ist mir auch schon oft begegnet. Da stellt sich natürlich immer die Frage, ob man die Bewertung noch mal runtersetzt oder einfach so stehen lässt – ist auch immer schwierig, irgendwie. :/ Und ich stimme dir zu: Die eigentliche Rezension ist und bleibt der Kernpunkt. Ich muss mich nur öfter wieder darauf besinnen.

    Alles Liebe
    Isabella

  6. Liebe Lara,

    vielen Dank! Und ich stimme dir zu: Theoretisch bräuchte man die Sterne nicht. Aber irgendwie ist es doch nicht so einfach, sich von ihnen zu lösen. Dass man nicht einmal eigene Rezensionen miteinander vergleichen kann, kann ich auch gut nachvollziehen – je nach Erwartungshaltung können sich ja auch drei Sterne ganz unterschiedlich anfühlen.

    Alles Liebe
    Isabella

  7. Ich verstehe deine Punkte sehr gut und vergebe deshalb auf dem Blog mittlerweile auch keine Sterne mehr. Einfach weil ich immer wieder feststellen musste, dass es oft zu große Unterschiede in meinem Empfinden gibt, auch wenn ich Büchern die gleiche Bewertung gegeben habe. Jetzt gibt es zwar weiterhin auf Goodreads Sterne von mir, damit ich auch am Ende des Jahres einen besseren Überblick habe, aber auf dem Blog beschränke ich mich auf ein Fazit, welches hoffentlich immer noch aussagekräftig genug ist.
    Ich verstehe aber sehr gut, dass du auf die Sterne nicht verzichten kannst/willst, geht mir im Endeffekt ja genauso.

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