[Rezension] The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue – Mackenzi Lee

Inhalt

Henry „Monty“ Montague ist fest entschlossen, seine Grand Tour durch Europa mit seinem besten Freund Percy – in den er seit Jahren verliebt ist – und seiner Schwester Felicity – die er zum Glück unterwegs bei einer Schule abgeben kann – zu einem unvergesslichen Spaß zu machen. Doch sein Vater macht ihm schon vor der Abfahrt einen Strich durch die Rechnung: Nicht nur drückt er Monty einen Reisebegleiter aufs Auge, der sicher gehen soll, dass er nicht aus der Reihe tritt, er stellt auch klar, dass Monty bei einem weiteren Fehltritt enterbt wird. Ab da scheint es für Monty nur noch bergab zu gehen … aber immerhin hat er seinen besten Freund (und seine nicht-ganz-so-nervige Schwester) an seiner Seite.

Meine Meinung

The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue gehört zu denen Büchern, die mich auf eine Art und Weise berührt haben, dass es mir auch noch Tage später schwerfällt, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Was für mich total verrückt ist, weil ich niemals erwartete, dass dieses Buch mich so sehr trifft.
Ich hatte eine quirlige, witzige Reise durch Europa mit einer gesunden Prise Humor erwartet, was nichts zuletzt daran lag, dass das Buch seit Monaten in aller Munde ist – die deutsche Ausgabe ist immerhin schon im März erschienen, und auch im englischsprachigen Raum teilten Booktuber schon Monate vor Erscheinen des Buches positive, wenn nicht sogar euphorische Meinungen, die meine Erwartung von dem Buch derartig prägten und formten.
Es ist nicht so, dass ich diese quirlige Reise nicht bekam, oder dass der Humor nicht an Perfektion grenzt … (Das ist untertrieben: Montys Humor ist perfekt. Ich habe so selten so laut bei einem Buch gelacht – und Lee gelingt es besonders gut, mich auf der einen Seite weinen und auf der nächsten wie blöd grinsen zu lassen.) Aber darüber hinaus besticht das Buch mit einer Tiefe, mit einer Ernsthaftigkeit unter dieser leichten Ebene, die mich zutiefst beeindruckt und bewegt hat.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es fast so, als wäre The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue für jeden eine ganz einzigartige Erfahrung, was gar nichts mit der Interpretation der Inhalte zu tun hat, sondern damit, dass jeder Inhalt des Buches für jeden zugänglich ist … mit versteckten, „zweiten“ Bedeutungen für diejenigen, die es brauchen.
Ihr fragt euch, was ich hier für einen Stuss zusammenschreibe? Ich denke mir nämlich gerade auch, dass das sehr absurd klingt. Aber dann müsste ich irgendwie den Platz in meinem Herzen leugnen, den Monty und Percy und Felicity in Windeseile erobert haben.

„In the east,“ she says after a time, her gaze still downcast, „there is a tradition known as kintsukuroi. It is the practice of mending broken ceramic pottery using lacquer dusted with gold and silver and other precious metals. It is meant to symbolize that things can be more beautiful for having been broken.“
„Why are you telling me this?“ I ask.
At last she looks at me. […] „Because I want you to know,“ she says, „that there is life after survival.“
(The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue, Mackenzi Lee)

Wie eigentlich alle Bücher lebt auch The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue von seinen Charakteren. Da ist natürlich unser Protagonist Monty, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird; ein junger Mann, der augenscheinlich nichts außer Alkohol und Liebeleien im Kopf hat. Doch im Laufe des Buches beginnt Lee, mehr und mehr Schichten von Monty zu enthüllen, die mir nicht nur den Atem raubten, diesen Jungen umarmen und nie wieder loslassen wollten … die Autorin machte es darüber hinaus auf eine Art und Weise, die mir nicht das Gefühl gab, dass mir bisher Informationen vorenthalten wurden – sondern dass diese Teile von Monty teils so in ihm vergraben sind, dass er es selbst kaum wagt, sie zu berühren. Von einem humorvollen, höchst skandalösen jungen Mann wurde er zu jemandem, der versuchte, sein Leben mit aller Kraft zusammenzuhalten.
Percy, Montys bester Freund und Schwarm, wurde zu meiner Erleichterung nicht als Loveinterest abgestempelt – besonders schön ist Lee hier die Balance zwischen oh-Gott-was-wenn-er-mich-nicht-so-mag und oh-Gott-mag-er-mich-vielleicht-so? gelungen. Percy ist immer noch vorrangig Montys bester Freund, und durch all die Jahre, die sie sich schon kennen, sind sie zu einer unzertrennlichen Einheit geworden. Kurzum: Ich habe sie eigentlich von den ersten zwei Sätzen an geshippt.

On the morning we are to leave for our Grand Tour of the Continent, I wake in bed beside Percy. For a disorienting moment, it’s unclear whether we’ve slept together or simply slept together.
(The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue, Mackenzi Lee, tatsächlich die ersten zwei Sätze)

Und ich schließe mich der allgemeinen Meinung an, wenn ich sage, dass ich öfters als nicht das Bedürfnis hatte, die Köpfe der beiden endlich zusammenzudrücken. Aber Spaß beiseite: Ich find’s absolut fantastisch, wenn Liebespaare in Romanen wirklich und wahrhaftig Freunde sind, bevor sie mit diesem ganzen Romantik-Kram anfangen. In The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue war es darüber hinaus von der ersten Seite an klar, wer hier Interesse an wem hat, was doppelt erfrischend ist.
Ich hatte oben bereits angedeutet, dass das Buch auch vor ernsten bzw. kritischen Themen nicht zurückschreckt, und Percys und Montys (potenzielle) Beziehung ist eines davon, Homosexualität im 18. Jahrhundert – damals auch ganz gerne noch Sodomie (angelehnt an die Bibel) genannt. Lee thematisiert die Queer Culture, wie sie es nennt, nicht nur im Text selbst, sondern auch noch ausführlicher (inklusive ihrer unglaublich spannenden und nicht weniger bedrückenden Recherche) im Anhang, wo sie auch weitere Themen wie Rassismus und, ja, Epilepsie anspricht. Einer der Charaktere (es wird erst im Laufe des Buches enthüllt, deshalb werde ich hier keine Namen nennen) ist nämlich von Epilepsie betroffen, und Lee beschreibt nicht nur den (weniger schönen) Umgang mit dieser Krankheit, sondern auch generell den Umgang mit einem kranken Geliebten und dem (nett gemeinten, oftmals aber sehr schädlichen) Wunsch, diesen zu heilen, mit einer Sensibilität, die unglaublich ist.
Besonders gut hat mir in der Hinsicht gefallen, dass Lees Charaktere nicht perfekt auf die eben angesprochenen Themen reagieren, sondern Fehler machen … und auf eben diese problematischen Verhaltensweisen angesprochen werden, sich entschuldigen und aus ihren Fehlern lernen. So, wünsche ich mir, sollte immer mit problematischen Inhalten in Büchern umgegangen werden: Wenn der/die Autor*in sich entscheidet, diese zu repräsentieren, dann soll den Lesern auch gezeigt werden, wo eben die Probleme liegen. Und zuletzt für die ausführliche Recherche, die angemessene Sensibilität und die unglaublich gelungene Integration in den Text kann ich nur meinen Hut vor Mackenzi Lee ziehen.
Zuletzt kann ich euch nur noch sagen, dass es tatsächlich nichts an diesem Buch gibt, das ich nicht liebe. Montys Schwester Felicity hat mich mit ihrem trockenen Humor, ihrer Intelligenz und ihrer Scharfsinnigkeit beeindruckt; selbst Nebencharaktere, so unsympathisch sie auch sein mögen, bestechen dennoch mit einer künstlerischen Brillanz. Der Schreibstil ist grandios, mit wunderschönen, bildhaften Ausdrücken, die all die Orte, die Monty, Percy und Felicity aufsuchen, mit einer Leichtigkeit zum Leben erwecken lassen. Mackenzi Lee bewältigt das Genre mit links und machte es mir nicht nur zu einem Vergnügen, sondern zu einer Ehre, an Montys Geschichte teilnehmen zu dürfen.
(Deshalb freue ich mich umso mehr, dass Lee bereits angekündigt hat, dass ein Spin-Off zu Felicity geben wird – The Lady’s Guide to Petticoats and Piracy.)
Ich kann mich nur wiederholen – The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue hat mich von der ersten Seite mit solch einer Wucht gepackt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, diese Geschichte jemals wieder gehen zu lassen, und mir immer wieder bewiesen, dass ich Monty und seine Abenteuer noch mehr lieben konnte. Ein grandioses Buch, das nicht nur ein diesjähriger Favorit ist, sondern zu einer Zeit in mein Leben kam, in der ich gar nicht wusste, wie sehr ich es brauchte.

Fazit

The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue hat meine Erwartungen nicht nur übertroffen, sondern regelrecht gesprengt. Montys Grand Tour durch Europa hat neben leichten Momenten eine ungeahnte Tiefe entwickelt, und zusammen mit Percy und Felicity hat er mein Herz im Sturm erobert. Es sollte bereits klar sein, dass ich eine absolute, uneingeschränkte Empfehlung ausspreche.
The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue ⚬ Hardcover: 528 Seiten ⚬ Einzelband ⚬ Katherine Tegen Books ⚬ aktuell 11,99€* (englische Ausgabe) ⚬ 19,99€* (deutsche Ausgabe)
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6 comments / Add your comment below

  1. Ich habe das Buch letztens als Hörbuch gehört und will es mir jetzt noch unbedingt als "richtiges" anschaffen, weil ich es wie du absolut fantastisch fand! Das Hörbuch kann ich auch sehr empfehlen, der Sprecher hat richtig tolle Arbeit geleistet, ich hatte bei den Zitaten oben sofort die Stimme im Kopf 😀
    Und ich wusste noch gar nicht, dass es eine Fortsetzung geben soll, aber das ist ja der Hammer, ich freue mich jetzt schon wahnsinnig drauf. *-*

    Liebe Grüße,
    Katharina

  2. Mir war gar nicht bewusst, dass es sich beim Buch um "Cavaliersreise" handelt! Du hast ja bereits auf Twitter davon geschwärmt und ich dachte mir "Hm klingt interessant". Aber dank deiner Rezension ist es nun auch auf meiner To Read Liste gelandet! 😀
    Eigentlich schon witzig, weil ich um die deutsche Ausgabe "Cavaliersreise" bisher einen Bogen machte, weil mich der Klappentext überhaupt nicht anspricht. Aber da du das Buch so zu mögen scheinst, gebe ich dem Buch gerne eine Chance. Gerade der Aspekt mit der homosexuellen Beziehung im 18. Jahrhundert finde ich sehr interessant. Am liebsten würde ich jetzt gleich in die Bibliothek rennen und mir das Buch ausleihen 😀
    Liebste Grüse
    Julia

  3. Freut mich ungemein, dass es dir auch so gut gefallen hat! Und das klingt richtig klasse – ich höre nicht viele Audiobücher, aber falls ich mal wieder zu einem greifen wollen würde, behalte ich das definitiv im Hinterkopf! <3

    Und jaa, ich bin so gespannt darauf! Felicity ist ja einfach ein toller Charakter, und ich freue mich auf ihre eigene Geschichte 😀

    Alles Liebe,
    Isabella

  4. Yay, Ziel erreicht! 😀 Aber ja, ich habe hier auch eine Weile gebraucht, um die deutsche Ausgabe in Verbindung mit der englischen zu bringen – schon seltsam manchmal. 😀

    Falls du zu dem Buch greifst, lass mich unbedingt wissen, wie es dir gefällt <3

    Alles Liebe,
    Isabella

  5. Ach, wie schön, dass es dir auch so gut gefallen hat! Dank deiner Rezension möchte ich das Buch jetzt am liebsten gleich nochmal in die Hand nehmen 😀 aber eine Weile werde ich mich da wohl noch gedulden.
    Spätestens, wenn das Spin-off erscheint, ist meiner Meinung nach aber ein guter Zeitpunkt dafür! Auf das freue ich mich nämlich auch schon sehr 🙂

    Alles Liebe ♥
    Aileen

  6. Ganz im Ernst, mir geht's genauso – ich muss mich richtig zwingen, es nicht sofort noch einmal zu lesen. 😀 Ich hätte niemals erwartet, dass ich es so sehr lieben würde!

    Aber da hast du recht, vielleicht kann ich mich ja noch so lange beherrschen! Eine Geschichte über Felicity und Piraten kann nur gut werden <3

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