Ninth House von Leigh Bardugo

Trigger-Warnung: sexueller Missbrauch, graphische Darstellungen von Gewalt, Drogenmissbrauch

Inhalt

Obwohl Alex Stern keinen Schulabschluss hat, beginnt sie ein Studium in Yale. Das ist nur möglich durch Lethe, einer Organisation, die dazu dient, die Geheimgesellschaften von Yale zu überwachen, und die Alex‘ Fähigkeiten braucht. Denn Alex ist in der Lage, Graue – die Geister von Verstorbenen – zu sehen, und kann daher sichergehen, dass diese nicht die magischen Rituale der Gesellschaften stören. Dann aber wird eine junge Frau auf dem Campus umgebracht, deren Tod Alex verdächtig erscheint. Ihre Spurensuche enthüllt schon bald gewaltige Abgründe …

Meine Meinung

Mit Ninth House macht Leigh Bardugo nicht nur einen Sprung von Jugendbüchern zur Erwachsenenliteratur (aus Ermangelung eines besseren Wortes), es ist auch ihr erster Roman, der nicht mit dem Grishaverse in Verbindung steht. In anderen Worten: Sie zeigt, wie wandelförmig sie ist, und ich habe mich prompt noch mal neu in sie verliebt.

Okay, ‚prompt‘ ist ein bisschen geschwindelt. Die ersten fünfzig Seiten war ich ziemlich verwirrt – von der Fülle an Geheimgesellschaften (für die es übrigens hinten ein Glossar gibt), den verschiedenen Timelines und ganz generell vom Plot. Sobald ich mich jedoch orientiert hatte, zog mich das Buch vollkommen in seinen Bann. Ich war unglaublich fasziniert davon, wie Bardugo alltägliches Universitätsgeschehen mit den düster-magischen Unternehmungen von Lethe und den restlichen Gesellschaften verknüpft. Wobei es korrekter wäre, zu sagen: wie allzu menschliche Grausamkeiten mit übernatürlichen Gräueltaten Hand in Hand gehen.

„I’m not saying you did anything,“ said Sandow mildly. „I’m just saying by dint of what you are, you may have brought this on.“
Dawes crossed her arms. „That sounds a lot like She was asking for it, Dean Sandow.“

Leigh Bardugo: Ninth House. London 2020, S. 190.

Die Trigger-Warnungen (s. o.) sind wirklich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, und es hätte dem Buch auch gut getan, wenn sie dort irgendwo (vielleicht sogar direkt vor den Kapiteln) vermerkt worden wären. Ich sehe mich als Person, die eine relativ hohe Toleranz für Brutalität in Medien hat, aber selbst als Nicht-Betroffene wurde mir bei dem Beschriebenen oft ganz anders. Mit diesen Ereignissen geht ein intensives Gefühl von Hilflosigkeit einher – nicht, weil Alex selbst hilflos wäre, sondern vielmehr, weil die Grausamkeit ganz oft an gesamtgesellschaftliche Dynamiken geknüpft ist, wodurch die außertextuelle Realität bei all den Fantasy-Elementen stets präsent bleibt. Ein rekurrierendes Thema: die Doppelmoral des Umgangs mit denjenigen, die Missbrauch erfahren haben, im Gegensatz zu denen, die ihn verursacht haben.

Neben der Atmosphäre sind auch die Figuren sehr eindrücklich. Alex ist eine Überlebende in jeglicher Hinsicht – sie als moralisch grau zu bezeichnen, würde ihr gar nicht gerecht werden angesichts der Entscheidungen, die sie in ihrem Leben bereits zu treffen hatte. Begleitet wird sie von Darlington, ihrem Mentor, der zwischen Regelkonformität und Milde schwankt, und Dawes, einer Doktorandin, die menschenscheu ist, aber für jedes Problem eine Lösung aufweist. Spannend fand ich auch den Polizisten Turner, der in die Geheimnisse Lethes eingeweiht ist und ein bisschen dem harte-Schale-weicher-Kern-Typus angehört. Zu oft habe ich mich darüber aufgeregt, wenn in Büchern allerhand detektivische Untersuchungen unternommen werden, ohne der Polizei irgendwie auf die Füße zu treten. Da ist es sehr angenehm, wenn Turner Alex beispielsweise daran erinnert, dass Unternehmungen auf eigene Faust leicht dazu führen könnten, Ermittlungen ernsthaft zu schädigen.

But would it have mattered if she’d been someone else? If she’d been a social butterfly, they would have said she liked to drink away her pain. If she’d been a straight-A student, they would have said she’d been eaten alive by her perfectionism. There were always excuses for why girls died.

Leigh Bardugo: Ninth House. London 2020, S. 268.

Ninth House bewegt sich im Großen und Ganzen ausgeglichen zwischen Plot- und Charakter-Entwicklung, aber in den letzten Kapiteln überschlagen sich die Ereignisse regelrecht. Hier würde ich auch meinen einzigen Kritikpunkt ansetzen – für meinen Geschmack gingen die Enthüllungen ein bisschen zu weit, mit einem Mal erschien alles mit allem verknüpft und gleichzeitig war das, was enthüllt wurde, auch nicht … allzu überraschend? Dennoch finde ich, dass es Bardugo gut gelungen ist, Ninth House größtenteils abzuschließen, aber zugleich deutlich zu markieren, dass es (mindestens) eine Fortsetzung geben wird. Das macht das Warten zumindest erträglicher – denn ich will auf jeden Fall mehr aus dieser Welt, mehr von Alex und ihren Begleiter:innen lesen.

Fazit

Ninth House ist eines der besten, aber auch zweifellos eines der düstersten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe. Trotz all der magischen Elemente ist die hässlich-düstere Gegenwart in dem Buch nur allzu präsent. Bardugo geht all das mit immensem Fingerspitzengefühl an und schafft mit Alex Stern eine Protagonistin, die fernab von moralischen Fragen vor allem eines ist: eine junge Frau, die sich, koste es, was es wolle, ans Leben klammert.

Ninth House ⚬ Taschenbuch: 480 Seiten ⚬ Gollancz ⚬ Band 1 ⚬

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2 Kommentare

  1. Deine Rezensionen finde ich, egal ob positiv oder eher negativ, immer wunderbar, weil sie pointiert Stärken und Schwächen herausarbeiten und oft neugierig machen, ohne dabei zu viel zu verraten.
    Ninth House liegt seit einem Jahr auf meinem TBR Stapel und ich bin schon zweimal nicht über die ersten Seiten herausgekommen, aber vielleicht muss ich mich einfach mal mit Zeit über die ersten Seiten hinaus kämpfen.

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