Monatsrückblick November 2020

Den letzten Monatsrückblick habe ich im März geschrieben, was sich wie ein komplett anderes Leben anfühlt. 2020 ist ein seltsames Jahr – gerade durch die vielen Einschränkungen, die ja einen eher monotonen Alltag befördern, scheint es besonders schnell verstrichen zu sein. Außerdem kommt mir mein März-Ich ziemlich naiv vor: Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mir damals dachte „Das stehen wir einfach jetzt ein paar Wochen durch, und dann ist gut“ – hach.

November hat zumindest etwas frischen Wind in mein Leben gebracht: Nicht nur kam ich auch endlich in den Genuss eines Pandemie-Geburtstags, ich habe meinen Master begonnen und bin sehr glücklich darüber, mich wieder mal so richtig ins Studium stürzen zu können. ‚Richtig‘ ist mit digitaler Lehre natürlich auch ein dehnbarer Begriff, aber immerhin kann ich die Bib nutzen und mir etwas Alltag vortäuschen. Das Erstaunlichste ist aber für mich, dass mir dieser Unistart meine Leselust in vollem Umfang zurückgegeben hat. Habe ich in den letzten Monaten trotz geringer sonstiger Auslastung nur schleppend gelesen, musste ich durch die Uni lernen, mich wieder zu konzentrieren (okay, ich lerne es immer noch), und das hat sich mehr als positiv auf mein Leseleben ausgewirkt. Keine Beschwerden hier!

Aus diesem Grund habe ich im November sieben Bücher – darunter sogar zwei Highlights – gelesen:

1) Ninth House – Leigh Bardugo (4,5/5)
Mit Ninth House hat Leigh Bardugo bewiesen, dass sie den Sprung von Young Adult zu Adult mit Bravour meistert, und eine komplexe, wirklich düstere Geschichte mit moralisch grauen Figuren vorgelegt, bei der ich die Fortsetzung jetzt schon sehnsüchtig erwarte.

2) Milchzähne – Helene Bukowski (3/5)
Tatsächlich hatte ich Bukowski noch kurz vor dem zweiten ‚Lockdown‘ live und in Präsenz lesen gehört, was eine tolle Erfahrung war – sie war ungemein sympathisch, ihr Vortrag war toll und passte zu der apokalyptisch-märchenhaften Verflechtung ihres Schreibstils. Sprachlich macht Milchzähne Spaß, und durch die kurzen Kapitel – die generelle Kürze – fliegt man förmlich durch die Seiten. Das dystopische Bild ist brandaktuell, teilweise auch fast beängstigend-vorausschauend, und vor allem die Mütter-Töchter-Beziehungen sind sehr spannend. Aber die Kürze wird dem Roman zum Verhängnis, vieles bleibt zu unausgereift.

3) Träumereien eines einsamen Spaziergängers – Jean-Jacques Rousseau (2/5)
Und schon geht‘s los mit den Uni-Lektüren! Sprachlich fand ich Rousseaus Träumereien sehr ansprechend, inhaltlich sind es vorwiegend zweihundert Seiten Selbstmitleid eines privilegierten Mannes, der hier und dort Topoi wie den locus amoenus oder das Lob des Landlebens aufgreift, die sich natürlich wunderbar zur Interpretation eignen.

4) The Invisible Crown – Tina Köpke
Ich habe ein bisschen gebraucht, um in The Invisible Crown reinzukommen, aber ab der Hälfte war ich ziemlich invested und habe das Buch schnell verschlungen, gerade der Showdown gegen Ende ist ungemein packend! Im Großen und Ganzen hat es mich aber leider nicht so sehr umhauen können wie Tinas andere Werke, und wer Lust auf New Adult mit adligen Figuren hat, würde ich eher ihre Royal Me-Reihe nahelegen.

5) Conversations with Friends – Sally Rooney (4,5/5)
Ich habe dieses Buch vor über einer Woche beendet und denke immer noch darüber nach, das sagt eigentlich alles. Rooneys Debüt hat mich wesentlich mehr begeistern können als Normal People, und ich kann den Grund nicht genau benennen – zwar finde ich, dass sich die Ich-Perspektive für Rooneys moralisch graue Charaktere eher anbietet, aber wahrscheinlich war‘s auch einfach das richtige Buch zur richtigen Zeit.

6) Leben des Galilei – Bertolt Brecht (4/5)
Eine weitere Uni-Lektüre, die mir so gut gefallen hat, dass ich direkt einen Essay darüber geschrieben habe, whoops. Vielleicht ist es sogar mein liebstes Drama von Brecht? Irgendetwas an der episodischen Struktur, die die bedeutendsten Stationen von Galileis Leben abarbeitet, verbunden mit den philosophischen Implikationen und, natürlich, der großen Frage der Verantwortung von Wissenschaft, hat mich einfach gepackt. Leider kommen, wie üblich, die Frauenfiguren schlecht weg.

7) The Testaments – Margaret Atwood (3/5)
The Testaments hat stark angefangen, mit Atwoods üblichem Sprachspiel, kombiniert mit einem ungewohnt schnellen Pace. Leider besteht dann gefühlt der größte Teil des Buchs daraus, wie die Figuren von A nach B kommen, und zwei der drei Ich-Perspektiven wurden für mich zunehmend schwerer auseinanderzuhalten. Vor allem war das Buch … null überraschend für mich? Ich glaube auch nicht, dass es so angelegt war, aber die Kern-‚Enthüllung‘ war für mich beinahe von Anfang an offensichtlich, und diese fehlende Spannung konnte das Buch nur selten kompensieren. Ja, man erfährt mehr über Gilead und auch über das Ende von The Handmaid‘s Tale, aber gefühlt hätte man das Buch auf die Hälfte reduzieren können, weil es rein von den Themen her nicht wirklich groß etwas Neues bringt. Schade!


Meine Aufzählung für diesen Monat ist inkonsequent (meines Erachtens sowieso ein Problem meines Buchbloggerinnendaseins): Zwar habe ich noch ein paar andere Werke für die Uni gelesen, aber diese mehr im Vorbeigehen, also nicht so gründlich wie die oben genannten, deshalb sind sie oben nicht gelistet. Die Aufteilung ist vollkommen willkürlich, aber was ist das nicht? Insgesamt waren es 2185 Seiten, also etwa 73 pro Tag, was mich – neben Studium und Arbeit – ungemein zufrieden stimmt.

Mit in den Dezember nehme ich Dearly von Margaret Atwood, ihren neuen Lyrik-Band, den ich zu genießen versuche, und das Hörbuch von Amanda Foodys Ace of Shades, das ich ein zweites Mal lese, um mich auf die Fortsetzungen vorzubereiten. Ansonsten würde ich gerne hoffen, im Dezember etwas Winterliches zu lesen, aber meine Lesegelüste sind mir nach all den Jahren immer noch ein absolutes Rätsel, also schauen wir mal, was der letzte Monat dieses – in jeglicher Hinsicht – außerordentlichen Jahres bringt. Wie war euer Lesemonat November? Und wie bereit seid ihr für das Jahresende? 👩🏼‍💻

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3 Kommentare

  1. Ich war von The Testaments auch ziemlich enttäuscht! Finde es so seltsam, dass dieses Buch entstanden ist. Atwood hätte es ja gar nicht nötig und es wirkt so nach Geldmacherei. Andererseits gab’s auch richtig Potenzial mit den heutigen Entwicklungen da noch mal ganz viel rauszuholen, aber wie du sagst, es war einfach wenig überraschend, und hat gar nicht die subtile Kritik gehabt, die das Original so gut gemacht hat.

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