The Invisible Life of Addie LaRue von V.E. Schwab

Inhalt

1714, Villon-sur-Sarthe: Die dreiundzwanzigjährige Adeline LaRue soll heiraten. Während ihre Eltern das Ereignis mit Vorfreude erwarten, hat Addie das Gefühl, ihr Leben wird damit enden – denn wenn sie jetzt nicht dem winzigen Ort entkommt, wann denn dann? In ihrer Verzweiflung geht sie einen faustischen Pakt ein, der ihr Freiheit – Unsterblichkeit – verspricht. Der Haken: Niemand erinnert sich an Addie. Doch das ändert sich dreihundert Jahre später, als sie Henry Strauss kennenlernt …

Meine Meinung

V.E./Victoria Schwab gehört für mich zu den Autor:innen, von denen ich so ziemlich alles lesen würde – ihre Shades of Magic-Trilogie liebe ich innig, die Monsters of Verity-Dilogie nicht weniger und ihre Villains-Bücher haben mich zwar nicht ganz so umgehauen, aber auch diese fand ich noch ziemlich gut. Deshalb war es für mich erst einmal zweitrangig, dass Addie LaRue zwar eine interessante, aber nicht übermäßig originelle Prämisse hat – Teufelspakte und unsterbliche Charaktere, die sich immer wieder neu zu ihrer (Über)Menschlichkeit positionieren müssen, kennt man zur Genüge. Es gelingt Schwab zwar, dem Buch durch einen starken Fokus auf Erinnerung(en) einen prägnanten Einschlag zu verleihen, aber im Großen und Ganzen konnte es mich leider nicht wirklich packen.

The Invisible Life of Addie LaRue ist auch in vielerlei Hinsicht typisch für Schwabs übriges Werk. Es gibt verschiedene Zeitebenen, die Charaktere sind überwiegend Künstler:innen und fast ausschließlich queer, und bei all den dramatischen Entwicklungen fragt man sich, ob Schwab wirklich so weit gehen wird, wie es sich andeutet. Andererseits ist es lyrischer, persönlicher. Es ist kein Geheimnis, dass Schwab zehn Jahre lang an dem Buch gearbeitet hat; dass sie selbst Angst hat, sich nicht auf ihre Erinnerungen verlassen zu können, oder Erfahrungen mit Depressionen gemacht hat – all das spürt man beim Lesen. In diesen Momenten ist das Buch großartig, ungemein berührend.

Other people would call him sensitive, but it is more than that. The dial is broken, the volume turned all the way up. Moments of joy register as brief, but ecstatic. Moments of pain stretch long and unbearably loud.

V.E. Schwab: The Invisible Life of Addie LaRue. London 2020, S. 277.

Neben diesen großartigen Abschnitten gab es aber einige mehr, die mich nicht so richtig packen konnten, in denen sich die Geschichte zog. Schwabs Vorliebe für verschiedene Zeitebenen begann mich zu stören – eine Timeline war immer weniger spannend als die andere, wurde störend dazwischengeschoben und riss mich aus der Geschichte. Es macht Sinn, dass Schwab zeigen will, was Addie in den letzten dreihundert Jahren erlebt hat, aber es hätte geholfen, diese Erlebnisse zu bündeln. Denn letztlich geht es oft um dasselbe: dass Addie jemanden trifft, sie eine mehr oder weniger schöne Zeit mit der Person verbringt und vergessen wird, sobald sie außer Reichweite ist. Die geschichtlichen Ereignisse, die sich währenddessen abspielen, nehmen bestenfalls eine geringe Rolle ein oder scheinen zu stark gewichtet, zum Beispiel, wenn seitenlang die Mode der Zeit beschrieben wird.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass viele Elemente in Addie LaRue nicht wirklich ausgewogen waren. Dass Henry schwarze Locken hat, wird gefühlt auf jeder zweiten Seite erwähnt, aber er selbst, so präsent er auch in dem Buch ist, ist bestenfalls dürftig charakterisiert. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen Addie und ihm entwickelt, wirkt übereilt und forciert. Gleichzeitig wird seine Geschichte an einem Punkt so ausführlich erzählt, dass Addie so sehr in den Hintergrund tritt, dass ich mich zu fragen begann, warum ich mich überhaupt noch für sie interessieren sollte. Eigentlich gelungene Plottwists verloren dadurch ihre Wirkung, oftmals hing ich mich an kleinen Ungereimtheiten auf. Zum Beispiel: Da Addie vergessen wird, sobald sie sich nicht mehr im Blickfeld ihres Gegenübers befindet, verbringt sie manchmal den kompletten Tag mit ihren Liebhaber:innen – als ob da niemand mal für zwei Minuten auf eine Toilette verschwindet? Es klingt vielleicht seltsam, aber generell hätte Addies Fluch noch ausgeschmückt werden können. Sie empfindet zwar Hunger und Durst, muss aber theoretisch nicht essen oder trinken. Wie es mit anderen Körperfunktionen (muss sie verhüten?) aussieht, wird nicht erwähnt. (Und das nur als Nebenbemerkung, aber die Palimpsest-Metapher wurde so oft benutzt, dass ich irgendwann nur noch die Augen verdreht habe.)

“What is your name?”
His eyes slide from a corner of the room back to her. “Why must I have one?”
“All things have names,” she says. “Names have purpose. Names have power.” She tips her glass his way. “You know that, or else you wouldn’t have stolen mine.”

V.E. Schwab: The Invisible Life of Addie LaRue. London 2020, S. 177f.

Apropos Liebhaber:innen: Es hat mich überrascht, dass das Buch so stark von romantischen Beziehungen dominiert ist. Die Menschen, die Addie über die Jahre hinweg trifft, werden nahezu automatisch zu Affären, und natürlich muss sie sich in die erste Person verlieben, die sich an sie erinnert. Aber Henry ist da fast irgendwie schlimmer, Stichwort: serielle Monogamie. Seine Depressionen werden in erster Linie von dem Gefühl, nicht geliebt zu werden bzw. nicht liebenswürdig zu sein, getriggert. Das kommt partiell von seiner Familie, aber vor allem von – wer hätte es gedacht – gescheiterten Liebesbeziehungen. Als er Addie kennenlernt, ist seine letzte Beziehung noch nicht allzu lange her, und er nicht darüber hinweg. Nennt mich zynisch, aber deshalb fiel es mir doppelt schwer, die Beziehung der beiden großartig gutzuheißen. Ich konnte nicht den Gedanken abschütteln, dass Addie halt die Gelegenheit, von jemandem erinnert zu werden, am Schopf ergreift, und im Umkehrschluss Henrys Bedürfnis, geliebt zu werden, erfüllt.

Das klingt jetzt alles schlimmer, als es ist – The Invisible Life of Addie LaRue ist immer noch ein gutes Buch, aber eben nicht überragend. Trotz der langen Schaffensphase hatte ich immer wieder das Gefühl, dass man das Buch noch hätte aufpolieren können. Andererseits haben die Überlegungen zu Erinnerungen und all dem, was dazu gehört (Wie viel Bedeutung haben Namen? Was hinterlässt man der Welt?), bei mir schlichtweg einen Nerv getroffen. Zumindest in dieser Hinsicht werde ich mich gewiss an Addie erinnern.

Fazit

The Invisible Life of Addie LaRue spricht zweifellos viele wichtige Themen an, konnte mich aber nicht vollkommen mitreißen. Mir fehlte eine emotionale Bindung zu den Figuren, einige Aspekte wirkten unausgereift. Wenn euch die Prämisse brennend interessiert, würde ich es immer noch empfehlen, ansonsten lohnt es sich eher, zu Schwabs übrigen Romanen zu greifen.

The Invisible Life of Addie LaRue ⚬ Hardcover: 560 Seiten ⚬ Titan Books ⚬ Einzelband ⚬

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3 Kommentare

  1. Witzigerweise teile ich alle diese Kritikpunkte. Ja, ich bin kein großer Fan der Romanze, ja, es wäre noch mehr drin gewesen – aber ich habe diesem Buch trotzdem fünf Sterne gegeben, weil mich der Schreibstil und das großartige Ende einfach so umgehauen haben.

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