[Rezension] Nichts: Was im Leben wichtig ist – Janne Teller

Originaltitel: Intet


Es ist eigentlich ein ganz normaler erster Schultag in der 7A – bis Pierre Anthon aufspringt und die die Bedeutung zu finden. Und so fangen sie an zu sammeln. Dinge, die in ihrem Leben Bedeutung haben. Aber was harmlos anfängt, wird bald bitterer Ernst. Es gehen nicht nur mehr die Haare von Marie Ursula drauf, selbst Jesus wird vom Kreuz geholt – und noch viel schlimmere Dinge…
Schule verlässt, weil er meint, dass nichts etwas bedeutet und es sich deshalb nicht lohnt, irgendetwas zu tun. Seitdem sitzt er in einem Pflaumenbaum und ruft seinen Mitschülern zu, wieso sie überhaupt noch in die Schule gehen, und obwohl diese versuchen, ihn zu ignorieren, kriegen sie seine Worte doch nicht aus dem Kopf. Als Erstes versuchen sie, Pierre Anthon mit Gewalt vom Baum zu holen, aber als alles Tun nichts bringt, beschließen sie,
„Denn alles fängt nur an, um aufzuhören. In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben.“
(Nichts: Was im Leben wichtig ist, Pierre Anthon, S. 11, Z. 11-13)
Ich habe bei dem Buch so ziemlich alles erwartet, außer letzten Endes das, was mich erwartet hat. Es fällt mir schwer, diese Rezension zu schreiben, vielleicht, weil das Buch bloß 144 Seiten hat, vielleicht auch, weil ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Ich kann nicht recht sagen, was ich erwartet habe, als ich den Klappentext gelesen habe. Vielleicht eine mitreißende, eine berührende Geschichte. Beides habe ich gefunden, bloß nicht so, wie ich es gedacht hätte.
Erzählt wird das Ganze aus der Sicht von Agnes. Man bekommt im Laufe des Buches kaum etwas von ihr mit, das Wort „Ich“ wird ganz selten verwendet und größtenteils beschrieben, was die anderen machen. Das ist der Punkt, der mich an dem Buch gestört hat. Ich hätte gerne noch mehr Tiefe gehabt, sodass speziell Agnes‘ Verhältnis zu dem Ganzen genauer zu Worte gekommen wäre. Ansonsten hätte man mMn auch einfach einen unpersönlichen Erzähler wählen können. Ich fand es außerdem sehr verwirrend, ob sämtliche Schüler gar kein Leben außerhalb haben – das Buch streckt sich über ein gesamtes Schuljahr und nie werden Klausuren oder ähnliches erwähnt und kein einziger Schüler scheint je auch nur einen Finger krumm zu machen für irgendetwas Schulisches.
Das Buch gibt etwas Steriles von sich, etwas Unberührtes, aber es ist um Gottes willen keine leichte Kost. Man muss von den ersten Seiten mitdenken und besonders bei dem, was Pierre Anthon sagt, habe ich oft innegehalten und überlegt, ob er recht hat.
Nach einer Weile geht dann auch die Geschichte los und die ganzen Gegenstände für den Haufen der Bedeutung gesammelt. Es fängt ziemlich harmlos an und ich hielt es noch für einigermaßen in dem Rahmen, was eine Schulklasse auf die Beine stellen kann. Mit der Zeit wird es allerdings übel. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich saß vor dem Buch und wollte nicht glauben, dass so etwas sein kann. Dass so etwas überhaupt passieren könnte. Ich hielt es für total unrealistisch, weil die Dinge, die die Schüler „opfern“ sollten, wirklich Übelkeit in mir verursacht haben. (Ich kann diese Dinge nicht genauer nennen, ohne zu spoilern – wer es wissen will, muss einfach googeln. Das Buch ist so umstritten wie kaum ein anderes.) Irgendwann im Laufe des Buches kam dann mein Aha-Moment. Was wohl für mich unglaublich schockierend war. Denn ich habe begriffen, dass es eben kein Mist ist, den Janne Teller da beschreibt. Ja, vielleicht ist es an der einen oder anderen Stelle tatsächlich etwas zu tiefgründig für eine siebte Klasse, aber ich dachte mir: Guck dich um. Du siehst doch, wozu die Menschen heutzutage fähig sind. Das war wohl der Moment, in dem ich realisiert habe, wie tiefgreifend das Buch wirklich ist. Dass es nicht unmöglich ist, dass so etwas passiert.
Ich habe selten über ein Buch so viel nachgedacht, selten habe ich davor gesessen, einfach mit einem schockierten Gesichtsausdruck und sogar mit leichtem Übelkeitsgefühl im Magen. Das ist wohl ein Buch, das ist nicht so schnell vergessen werde…
„Nichts“ ist ein schockierendes Buch, das nicht zu Unrecht umstritten ist. Es bewegt sich auf einer philosophischen, aber gleichzeitig auch unglaublich schockierenden Ebene und regt unglaublich zum Nachdenken an. Einzig allein die Tatsache, dass ich es teilweise ein wenig zu „unpersönlich“ fand, gibt einen kleinen Punktabzug. Ansonsten kann ich es nur empfehlen.
Titel: Nichts: Was im Leben wichtig ist

Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: Hanser
Reihe: –
Preis: 12,90€
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8 Kommentare

  1. Jetzt muss ich das ohl doch wirklich bald lesen.
    Das steht schon ca ein halbes Jahr in meinem Regal, weil ich den Klappentext auch ansprechend fand und ich dachte mir, da kauf ich es gleich.
    Aber wenn ich das hier so lese, dann sollte ich das als nächstes lesen.

    Vielen Dank für deinen Text (=

    Liebe Grüße,
    Rike

  2. Sehr gute Rezension. Ich hab das Buch als Hörbuch gehört. Jetzt wo ich das hier lese, stelle ich fest, dass ich die Tragweite dieses Romans noch gar nicht komplett erfasst habe. Ich muss es unbedingt noch mal lesen.
    Aber du hast Recht, es ist ein erstklassiges Buch mit sehr vielen Stellen zum Nachdenken.
    Auch von mir liebe Grüße

  3. Rezension sollte mehr nach objektiven Bewertungskriterien begutachtet werden, da letztendlich nicht klar wird ob es sich um ein guten oder schlechten Jugendroman handelt.
    Die subjektive Meinung ist jedoch gut herausgestellt.

    P.S.: Sparen Sie mit Superlativen, da Ihr Text sonst schnell überladen wirkt.

  4. Habe noch nie so ein schlechtes Buch gelesen und ich frage mich wie dieses Buch zum Spiegelbestseller geworden ist. Die Autorin versucht in eine schlecht ausgearbeitete Story
    Spannung zubringen, indem sie völlig überdrehte,unlogische und geschmackslose Tatsachen in ihr Buch bringt.

  5. Sie sprechen mir aus der Seele. Noch dazu ist es von einer geradezu fahrlässigen Oberflächlichkeit bei einem derart schwerwiegenden Thema. Ideal, Sinn, Bedeutung – völlig egal, es wird alles über einen Kamm geschoren. Außerdem ist es sprachlich von einer gewöhnungsbedürftigen Schlichtheit und beklaut motivisch andere Autoren wie Calvino oder Süßkind. Ein gefährlich dummer Unfug!

  6. Ich kann dir in Bezug auf die Thematik des Buches nur zustimmen, auch wenn ich finde, dass da noch ein bisschen mehr mit reinspielt.
    Die Schlichtheit des Schreibstils hingegen ist meiner Meinung nach alles andere als schlecht. Ein viel beschreibender Stil hätte hier einfach nicht gepasst, die Kälte der Erzählungen stellt für mich allerdings die Kälte da, die in Agnes vorhanden ist.
    Ob die Schüler wirklich kein anderes Leben mehr haben oder was ihre Eltern eigentlich die ganze Zeit machen, fragte ich mich teilweise auch. Ich glaube, das ist ein noch zu klärendes Mysterium.

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