[Rezension] Der gefährlichste Ort der Welt – Lindsey Lee Johnson

Inhalt

Mill Valley: die Kleinstadt ist auf dem ersten Blick ein idyllischer, vielleicht etwas isolierter Ort; erst in der genaueren Betrachtung fällt auf, dass vieles davon Schein ist. Indem wir mehreren Jugendlichen über Jahre hinweg folgen, decken wir Geheimnisse auf, enthüllen Abgründe – und stellen fest, dass wir uns am gefährlichsten Ort der Welt befinden.

Meine Meinung

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal nach dem Beenden eines Buches so unentschlossen war.
Die Vorfreude auf Der gefährlichste Ort der Welt war groß – ich liebe charakterbasierte Bücher und freute mich darauf, gleich mehrere Perspektiven besser kennenzulernen, und verbunden mit einer latenten Gesellschaftskritik konnte ich es kaum abwarten, Mill Valley zu betreten. Nur leider blieb bei mir die große Begeisterung bis zur letzten Seite aus, und auch jetzt fällt es mir schwer, festzumachen, woran das liegt.
Der Einstieg in das Buch fiel mir nicht so leicht: es wird mit einem Aufsatz von Tristan Bloch, einem Schüler der 8. Klasse, eröffnet, in welchem er sämtliche Details der Kleinstadt darlegt. Die Legenden, Statistiken und absurd kleinen Anekdoten waren im ersten Moment ganz schön überwältigend. Wenn ich jetzt zurückblicke und noch einmal durch diesen Prolog lese, kann ich das Ganze schon besser verstehen; an den Anfang gestellt aber überfordert diese Masse an Informationen sehr, ganz zu schweigen davon, dass man sich zuverlässig an alles erinnern kann. Außerdem finde ich schade, dass auf Seite 15 von „unbestimmter Rasse“ die Rede ist – das deutsche „Rasse“ kann man nicht mit dem Gebrauch des englischen „race“ gleichsetzen, und ich hätte mir hier eine andere Lösung gewünscht. Elif schlägt Anführungszeichen oder ein vorgesetztes „sog.“ vor, dem ich mich anschließen würde; der Diskurs wird genauer in diesem Artikel ausgeführt.
Nach Tristans Aufsatz geht die Geschichte erst so richtig los – jetzt wird aus der dritten Perspektive von den Charakteren selbst berichtet; in drei Abschnitten – achte, elfte und zwölfte Klasse – wird je ein Kapitel von einem anderen Charakter erzählt. Zuerst gefiel es mir richtig gut, diese unterschiedlichen Einblicke zu erhalten; es gab Figuren, die mir sofort unsympathisch waren, andere, mit denen ich schlichtweg Mitleid hatte, wieder andere, die ich gar nicht mögen wollte, aber denen ich dennoch nicht widerstehen konnte.
Besonders faszinierte mich die Tatsache, dass alle Geschichten miteinander verknüpft waren; zum einen natürlich dadurch, dass die Charaktere miteinander interagieren, aber auch dadurch, dass es im größeren Zusammenhang einen roten Faden gibt, der sich durch sämtliche Kapitel zieht. Manchmal überlappen sich die Perspektiven, oder ein Charakter nimmt die Geschichte auf, wo ein anderer sie losgelassen hat – ein literarischer Staffellauf quasi. Eine derartige Narration ist mir noch nie begegnet, und sie hat mich unglaublich fasziniert und bis zuletzt beeindruckt.
Wir erfahren aber nicht nur, was im Jetzt passiert, sondern auch, wie die Charaktere dahin gekommen sind, welche Ereignisse sie in ihrer Vergangenheit beeinflusst haben oder immer noch beeinflussen. Zu jedem Charakter gehört also auch ein ordentliches Stück Hintergrundgeschichte, das nicht uninteressant ist, aber mich nach den einzelnen Perspektiven etwas unbefriedigt zurückließ. Ich wollte einfach mehr über jeden wissen, mehr als die Biographie; wollte wissen, wie ihre Geschichte weitergeht, wollte sie noch einmal das Wort ergreifen lassen, und es war irgendwie frustrierend und herzzerreißend gleichermaßen, dass das nicht möglich war.

Es war ihre Geschichte, im Guten wie im Bösen, und würde es bis an ihr Lebensende bleiben.

Vor allem aber hatten sämtliche Biographien eine Gemeinsamkeit: die Eltern waren Schuld bzw. hatten etwas gemacht oder verhielten sich auf eine besondere Art und Weise, die dazu führte, dass ihr Kind sich jetzt so verhielt oder entwickelt hatte. Ich will gar nicht sagen, dass Eltern keinen derartigen Einfluss ausüben (können) – aber es ist schade, dass in der Hinsicht keine Abwechslung gezeigt wurde, dass immer die Eltern der Kern der Probleme zu sein schien, wodurch die Charaktere keine wirklichen Eigenmotivationen hatten. Bei der Varietät an Charakteren – ich habe gerade nachgezählt, es sind neun Perspektiven (Tristans Aufsatz ausgenommen) – wäre es doch nicht zu viel verlangt gewesen, eine Familie aufzuzeigen, die funktioniert, die unterstützt und einen Austausch bietet.
Auch das Thema Social Media ist im Roman sehr präsent – welche Formen es annimmt, welche Konsequenzen der Missbrauch mit sich bringt. Ich mochte den Einsatz und die Diskussion; es werden Blogeinträge abgebildet, Facebook-Kommentare dargestellt und Tweets eingebunden, die Repräsentation und die Nutzung ist also keineswegs einseitig porträtiert (es wird auch nebenher mal bemerkt, wie jemand immer und immer wieder durch Instagram scrollt – ein kleines Detail, das viel Authentizität erzeugt). Gerade Facebook wurde als wichtigste Plattform für die Jugendlichen auserkoren; hier werden viele Fotos geteilt und (bösartige) Kommentare verfasst. Egal, wo der Austausch stattfindet, eins bleibt jedoch gleich: die Teilnehmer können sich hinter der Maske der Anonymität oder einem Profilbild verstecken, sich zurücklehnen, wenn anderorts jemand Schaden nimmt.
Aber egal, was Lindsey Lee Johnson in ihrem Debüt diskutiert, eins wird deutlich: alles hat Konsequenzen. Ob Partys, Alkohol und Drogen oder feindselige Kommentare – in Der gefährlichste Ort der Welt wird jeder zum Opfer, Täter oder leistet Beihilfe … und sie alle zeigen, dass jede noch so augenscheinlich harmlose Kleinstadt, jedes Mill Valley zum gefährlichsten Ort der Welt werden kann.

Fazit

Mit Der gefährlichste Ort der Welt hat Lindsey Lee Johnson vor allem ein narrativ beeindruckendes Debüt geschaffen, wenn auch mir die Hintergründe der Charaktere an manchen Stellen zu einseitig waren, weswegen es dem Buch nicht gelang, mich voll und ganz mitzureißen. Ich würde dennoch eine Empfehlung aussprechen – man beschäftigt sich noch lange nach dem Lesen der letzten Seite mit dem Buch.

Vielen Dank an dtv und Lovelybooks für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Der gefährlichste Ort der Welt ⚬ übersetzt von Kathrin Razum ⚬ Hardcover: 304 Seiten ⚬
 Einzelband ⚬ dtv ⚬ 21€

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