AutorInnen und das 21. Jahrhundert

Ich kann mich nicht daran erinnern, mir jemals in meiner Kindheit Gedanken über AutorInnen gemacht zu haben. Ich wusste schon, dass es sie da draußen gab und nicht alle von ihnen tot und verstaubt waren (immerhin erinnere ich mich an den Wirbel um den 7. Harry Potter-Band, der bereits am Erscheinungstag bei uns auf dem Tisch lag), aber ich habe mir nie weitere Gedanken um sie gemacht. Die Bücher, die ich las, las ich nicht wegen einem spezifischen Autor oder einer besonderen Autorin, und Danksagungen und die kleinen Über den Autor-Beschreibungen interessierten mich auch nicht wirklich.

Schon öfter habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie das Internet – genauer: die Bloggerwelt – mein Kaufverhalten beeinflusst. Würde ich nicht Booktube konsumieren und andere Blogs lesen und mich mit BloggerInnen austauschen, würde ich gewiss nicht einmal halb so viele Bücher kaufen oder überhaupt auf diese aufmerksam werden. Dabei habe ich aber eine entscheidende Variable aus der Gleichung ausgelassen: die AutorInnen selbst.

Dieser Artikel beschränkt sich ausschließlich (aus Gründen der Übersichtlichkeit) auf meine Perspektive als Leserin und Konsumentin. Ich will keine Lösung präsentieren, nicht zuletzt, weil es keine gibt – und weil, wie bei allen Dingen des Internets im 21. Jahrhundert, sowieso nichts ausschließlich gut oder schlecht ist.

Hinter den Kulissen

Wenn man mich nach meinen Lieblingsautoren fragte, waren (bis zu meiner Entdeckung von Mackenzi Lee) zwei an der Spitze: Leigh Bardugo und V.E. Schwab. Ich erklärte dann immer, dass ich zwar Bardugos Bücher einen Tick lieber mag, aber Schwab als Mensch mich einfach so viel mehr beeindruckt. Das liegt vor allem daran, dass sie gerade auf Twitter unglaublich aktiv ist, lauter Einblicke hinter die Szenen gibt, in das Gute, das Schlechte, das Hässliche. Durch sie lernte ich, dass nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist, auch wenn die letzte Trilogie unglaublich gut bei den LeserInnen angekommen ist. Dass überhaupt dieses ganze Autorendasein nicht Glitzer und Glamour ist. Denn das ist doch die Vorstellung, die ein Großteil von uns vor Twitter, Instagram und Co. hatte, oder? Dass AutorInnen in einer kleinen Hütte vor einem Kamin sitzen, Heißgetränke und/oder Alkohol in Unmengen konsumieren, ihrer Inspiration freien Lauf lassen und dann dabei ein hübsches, nettes Buch rausspringt, bei dem man nur noch die Nabelschnur durchschneiden muss, damit die LeserInnen es mit nach Hause nehmen können. Alles sehr romantisch, sehr gemütlich, Druck nur dann, wenn man das neue Buch des Autors oder der Autorin kaum mehr abwarten kann.

Lange Rede, kurzer Sinn: Durch Social Media lernte ich, dass AutorInnen auch nur Menschen sind, so banal das auch klingt. Dass auch bei BestsellerautorInnen Romane nicht so mir nichts dir nichts entstehen, dass ein Erfolg nicht bedeutet, dass sie frei von Depressionen, Angststörungen oder anderen Krankheiten sind, dass manche mit ihnen kontinuierlich mit Existenzängsten kämpfen – verkauft sich das nächste Buch oder nicht? – oder jobben und gar nicht hauptberuflich schreiben. Damit habe ich auch eine gehörige Menge mehr Respekt für die Arbeit von AutorInnen gewonnen, insbesondere, was Deadlines oder nach hinten verschobene Bücher anbetrifft. (Bestes Beispiel: Jay Kristoff, der Darkdawn um ein Jahr nach hinten verschob.)

Wie bei allen Dingen im Leben hat allerdings auch das eine Kehrseite: Bei anderen AutorInnen habe ich gemerkt, dass es sich bei ihnen um Persönlichkeiten handelt, denen ich ungern im echten Leben begegnen würde. Das Paradebeispiel ist da wohl J.K. Rowling, über deren katastrophale Äußerungen Cindy einen schmerzhaft zu lesenden, aber wichtigen Artikel geschrieben hat. Dort erwähnt sie übrigens auch Brandon Sanderson, dessen latente Homophobie mich von vornherein so abgeschreckt hat, dass ich keine Lust habe, jemals etwas von ihm zu lesen. Von Terry Goodkind hatte ich ganze elf Bücher gelesen (zugegeben waren die letzten … fragwürdig), als er das Cover zu seinem neusten Buch online postete und es „laughably bad“ nannte (Details findet ihr hier). Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, als Tommy Wallach ein Cover zu einem seiner Bücher postete, auf dem eine Brücke abgebildet ist, und dazu schrieb: „That’s a damn sexy bridge right there. I could really get into jumping off it.“ Als YA-AutorInnen die Problematik aufzeigten, hetzte er Leser auf diese. Details stehen in diesem Artikel, der allerdings Spoiler zu Thanks for the Trouble (dt. This Love has no End) enthält.

Ich habe lange überlegt, ob ich den vorigen Absatz schreiben soll, weil ich Namen nenne und mit expliziten Taten verknüpfe und das auch in Bloggerkreisen immer wieder thematisiert und kritisiert wurde. Aber ganz im Ernst: Ich finde, hier nützt es nichts, vage Andeutungen zu machen. Wir können alle selbst entscheiden, was unsere Reaktionen auf solche Vorfälle sind. Ich für meinen Teil weiß, dass ich Goodkind, Wallach und Sanderson sicher nicht (mehr) unterstützen werde. Bei Rowling arbeite ich daran, die emotionalen Verknüpfungen zu lösen. Und natürlich knüpft das an einen größeren Diskurs an: Kann man AutorIn und Werk trennen? Für mich ist das zumindest in diesen Fällen ein klares Nein*. Wie ihr die Frage beantwortet, ist euch selbst überlassen.

*Wie immer ist es unglaublich schwer, hier zu pauschalisieren, aber gerade weil AutorInnen nur Menschen sind, haben sie auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, daraus zu lernen, sich zu entschuldigen und es in Zukunft besser zu machen. Ich finde es nur fragwürdig, wenn Derartiges unter den Tisch gekehrt oder gar nicht erst anerkannt wird.

Die Möglichkeiten des Internets

Durch das Internet hat sich die Autor-Leser-Beziehung vollkommen verändert, würde ich zu behaupten wagen. Natürlich gibt es die AutorInnen, die gar keine Internetpräsenz zeigen, wo das Paradebeispiel wohl Suzanne Collins ist. (Da frage ich mich schon manchmal, was sie wohl macht. Und dann frage ich mich, wie es die Leute „ausgehalten“ haben, ehe sie sämtliche AutorInnen online stalken konnten. Und dann komme ich mir ein bisschen komisch vor, weil ich mich so ausgiebig damit beschäftige.) Oder es gibt solche wie Sarah J. Maas, die alle paar Wochen mal einen Instagram-Post rauslässt und ihren Newsletter konsequent rausschickt, aber nie auf Kritik oder anderweitiges reagiert, nicht interagiert. (Natürlich sind AutorInnen nicht verpflichtet, ihren LeserInnen irgendetwas in der Hinsicht zu geben, wozu ich auch schon mal etwas auf Twitter geschrieben habe. Das Internet ist kein wish fulfilment für die Leserherzen und soll es nicht sein. Auch wenn ich es mir schwierig vorstelle, heute Bücher ohne Social Media zu vermarkten.)

Gleichzeitig kriegt man so viel leichter mit, wann wo wie welche AutorInnen touren. An welchem Buch sie gerade arbeiten und wie es läuft. Man lernt sie nicht nur als Menschen kennen, sondern auch mögen. Sabaa Tahir folge ich zum Beispiel unglaublich gerne, obwohl ich damals mit Elias & Laia nicht wirklich klarkam. Alex Bracken finde ich super sympathisch, auch wenn ich noch nie eins ihrer Bücher gelesen habe. Man kann zum Beispiel Mackenzi Lee zuhören, wenn sie auf Youtube Empfehlungen ausspricht, oder den Katzen von anderen AutorInnen schöne Augen machen (Amanda Foodys ist besonders niedlich). Außerdem – wer freut sich nicht, wenn ein Autor oder eine Autorin bei einem Bild auf Instagram/Twitter/wo auch immer auf den Like-Button drückt oder sogar kommentiert? Und man kann ihnen sagen, wie viel ihre Bücher einem bedeuten – und ihnen somit zumindest ein bisschen von all dem zurückgeben, was sie so für uns tun, indem sie durch ihre Bücher, aber auch eben übers Internet Stücke von sich selbst mit der Welt teilen.

4 comments / Add your comment below

  1. Stimmt, das ist wirklich etwas, woran ich vor ein paar Jahren noch gar nicht gedacht habe. Ich folge nur wenigen Autoren und bei vielen interessiert es mich auch nicht allzu sehr, was sie „privat“ machen, aber Victoria Schwab folge ich zum Beispiel auch unfassbar gerne und das obwohl ich noch nicht mal eines ihrer Bücher gelesen habe. Das ist aber ganz fest geplant, seit ich ihre Tweets lese. Auch Jay Kristoff ist für mich ein total positives Beispiel und ich finde ihn super sympathisch. Bei den beiden mag ich auch sehr, dass sie nicht so tun, als wäre Autor der perfekte Beruf, sondern genauso von den schwierigen Dingen berichten. Wenn ein Autor auf Social Media ständig gezwungen positiv schreibt oder nur strikt vermarktet, finde ich das wieder unrealistisch bis unsympathisch.
    Die Frage, ob man noch Bücher von Autoren lesen sollte, die sich auf irgendeine Art problematisch verhalten haben, finde ich super schwierig und kann sie auch immer noch nicht beantworten, egal wie oft ich darüber nachdenke. Bis dahin schiebe ich das einfach weiter auf 😀

    1. Stimmt, Jay Kristoff habe ich ganz vergessen! Die Einblicke, die man durch seine Internetpräsenz kriegt, sind wirklich unglaublich spannend. (Amie Kaufman lohnt sich da auch sehr – die macht immer die allerliebsten Instagram-Stories!) Es ist einfach so erfrischend, dass sie eben nicht alles beschönen, wie du sagtest. Und man lernt dabei unglaublich viel!
      Hach, ja. Es gibt auch keine eindeutige Antwort, fürchte ich. Und erst recht keine allgemeingültige. 😀

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