Kurzrezensionen #13: Stimmungsgeschichten

Nach der Klausurenphase herrschte bei mir ziemlicher Leerlauf im Kopf, was heißen soll, dass ich zu nichts anderem in der Lage war, als Bücher zu lesen und im Bett zu liegen (manchmal beides zusammen). Gerade anfangs zog es mich zu kompakteren Büchern, die ich schnell verschlingen konnte – und da ich mich nicht dazu aufraffen konnte, zu bloggen (das ist mir in den sechs Jahren auch noch nicht passiert), dachte ich mir, es ist mal wieder Zeit für ’ne Runde Kurzrezensionen. Und zwar nach dem Motto „Wenn du Lust auf __ hast, kann ich dir __ empfehlen“. Auf geht’s!


→ Wenn du ein Buch lesen möchtest, das sich schnell verschlingen lässt, aber nicht unbedingt leichte Kost ist:

Notes on a Nervous Planet von Matt Haig

Worum geht’s?

Notes on a Nervous Planet fühlt sich ein bisschen wie eine Fortsetzung zu Reasons to Stay Alive an, was gewiss vom ähnlichen Design und auch einer ähnlichen inhaltlichen Struktur (kurze Kapitel mit prägnanten Überschriften, Listen, etc.) herrührt. Doch Notes on a Nervous Planet geht über Haigs persönliche Erfahrungen hinaus, schaut sich an, wie die Welt verknüpft ist, was Technik und rasante Entwicklungen mit uns anstellen; zwischendrin finden sich immer noch einzelne Anekdoten aus Haigs Leben.

Meine Meinung

Obwohl ich Reasons to Stay Alive und Notes on a Nervous Planet vier Sterne gegeben habe, hat mir letzteres doch noch einen Ticken besser gefallen. Es besticht nicht nur durch viele erinnerungswürdige Zitate, sondern trifft den Nagel einfach auf den Kopf – ich habe gefühlt die Hälfte der Zeit beim Lesen nur genickt. Zuerst dachte ich, dass es nicht unbedingt etwas Neues ist, das Haig festgehalten hat, und das stimmt auch, irgendwie, aber es ist die Art und Weise, wie er es in Worte fasst, die mich nachhaltig beeindruckte. Das merkte ich spätestens dann, als ich den halben Tag damit verbrachte, das Buch zu lesen, danach eine Freundin traf und beim Reden immer wieder ein „Was ich in diesem Buch gelesen habe …“ einstreute. Vielleicht ist es nicht weltbewegend, vielleicht enthält es nur wenig Neues, manchmal wiederholt Haig sich, aber es tut trotzdem gut, all diese gedruckten Erinnerungen in den Händen zu halten. Und, ganz banal ausgedrückt, ich habe mal wieder festgestellt, wie sehr ich doch seinen Schreibstil liebe. Ich sollte wirklich mal anfangen, auch zu Haigs anderen Büchern zu greifen.

Notes on a Nervous Planet ⚬ Hardcover: 310 Seiten ⚬ Canongate Books ⚬ ca. 11,99€*

Super und dir? von Kathrin Weßling

TW: Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Worum geht’s?

Um Marlene, 31, die endlich das Leben lebt, das sie schon immer haben wollte. Bis ihr Arbeitsleben überhandnimmt und ihr Privatleben quasi nonexistent wird. Bis es immer schwieriger wird, diese „Mir geht’s klasse“-Fassade aufrechtzuerhalten – wenn nicht sogar unmöglich …

Meine Meinung

Super und dir? war eines dieser Bücher, das mir immerzu im Internet zu begegnen schien, bis ich es nicht länger ignorieren konnte, die Buchhandlung mit einem klaren Ziel aufsuchte und noch am selben Tag mit dem Lesen begann. Es fiel mir schwer, das Buch aus der Hand zu legen, und gleichzeitig fiel es mir zuweilen schwer, weiterzulesen. Marlenes Geschichte tut weh, und das nicht nur, weil sie den Nerv der Zeit trifft. Weßling spricht Themen wie Angst, Perfektionismus und Druck an, hält einer Gesellschaft den Spiegel vor, die Stress und Arbeit glorifiziert. Doch auch wenn ich hier ein paar Momente hatte, in denen ich mit dem Nicken am liebsten nicht mehr aufhören wollte, hatte ich genauso viele, die berührungslos an mir vorbeigingen, in denen ich zwar von Marlenes Sog mitgerissen wurde, aber emotional eher distanziert blieb. So finde ich auch letztendlich, dass man einiges mehr aus Super und dir? hätte herausholen können; die Struktur des Buches ist mir zu wirr, und Marlenes Unzuverlässigkeit als Erzählerin wird zwar angedeutet, aber nicht wirklich ausgeschöpft. Und das Ende ist mir zu unbefriedigend-offen – aber das ist mein persönlicher Geschmack.

Super und dir? ⚬ Broschiert: 256 Seiten ⚬ Ullstein fünf ⚬ 16€*


… wenn du dich in absoluter YA-Nostalgie wälzen möchtest:

Restore Me von Tahereh Mafi

Da es sich hierbei um den vierten Teil einer Reihe handelt, enthält die Rezension Spoiler.

TW: Panikattacke, Transphobie

Worum geht’s?

Restore Me knüpft ein paar Tage nach dem Ende von Ignite Me an. Juliette versucht, irgendwie ihrem neuen Job gerecht zu werden, und ein ordentlicher neuer Schwung Drama kommt ins Spiel, als Details über Juliettes Vergangenheit herauskommen.

Meine Meinung

Ich wollte das Buch eigentlich gar nicht erst lesen, und dann habe ich es gekauft, weil es auf Amazon eine signierte Ausgabe gab, also bin ich vermutlich selbst schuld. Restore Me kommt leider nicht einmal ansatzweise an die originale Trilogie heran. Es geht um Juliette, Warner und Kenji; Castle wird am Rande erwähnt und ein neuer Nebencharakter genauer erläutert. Die anderen Charaktere aus den ursprünglichen Büchern werden vielleicht zwei Mal beim Namen genannt und völlig unter den Tisch fallen gelassen, was schlichtweg bitter ist.

Und weil ich sonst nur meckern werde – die zwei Dinge, die ich an Restore Me mochte: Dass Mafis Stil immer noch sehr elegant und einfach zu lesen ist. Und der Einblick in Warners Kopf, insbesondere, wenn er mit seiner Angststörung zu kämpfen hat; die Repräsentation finde ich ziemlich wichtig. (Zumindest konnte ich mich damit identifizieren. Und seien wir ehrlich, es wundert mich immer, dass in Dystopien niemand Angstzustände hat bei all dem Kram, den sie immer durchmachen müssen.)

Mein größtes Problem mit Restore Me ist jedoch, dass es null Plot hat, und das bisschen Plot am Ende / der Cliffhanger hat mich nur noch wütender gemacht anstatt mich zu schocken.

Spoiler

Es wird angedeutet, dass Brendan und Winston zusammen sind, und dann wird einer der beiden einfach umgebracht – oder es wird zumindest angedeutet, um diesen groooßartigen Cliffhanger durchzuziehen. Hauptsache, das Hetero-Paar ist okay. Und mindestens genauso daneben ist es, dass ein trans Charakter ausschließlich eingeführt wird, um von der transphoben Lena geoutet zu werden. Der trans Charakter (ich kann mich leider nicht mehr an den Namen erinnern) wird ansonsten nicht mehr aufgegriffen. Es ist einzig und allein dieses Outing und ES IST SO SINNLOS.

Restore Me ⚬ Hardcover: 448 Seiten ⚬ Band 4/6 ⚬ Harper Collins ⚬ ca. 9,99€*/17,99€* (signierte Ausgabe)


… wenn du Lust darauf hast, dich ausführlich mit zwei beeindruckenden Frauen zu beschäftigen:

Romantic Outlaws von Charlotte Gordon

TW: Suizidversuch, Fehlgeburt

Worum geht’s?

Romantic Outlaws ist eine Doppelbiographie von Mary Shelley und ihrer Mutter, Mary Wollstonecraft.

Meine Meinung

Okay, ich bin ein bisschen auf einem Mary Shelley-Trip. Es begann unschuldig, als ich in der Uni Frankenstein lesen sollte. Ich las einen Teil der Einleitung, die Mary Shelleys Biographie knapp umfasste, hatte Mitleid mit ihr, dachte immer mal wieder daran zurück. Die eigentliche Geschichte gefiel mir gut, mehr nicht. Dann stolperte ich über Romantic Outlaws Buch auf Instagram, und es ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Ich las einen Monat an Romantic Outlaws, da es lang ist und so, so, so viele Jahre und Tragödien überspannt. Alternierend wird ein Stück aus Shelleys bzw. Wollstonecrafts Geschichte erzählt, werden Verknüpfungen hergestellt, Parallelen aufgezeigt. Beide Leben sind absolut faszinierend, packend und herzzerreißend – zuweilen hatte ich nicht mehr das Gefühl, eine Biographie zu lesen, sondern bei einem fiktiven Roman gelandet zu sein. Charlotte Gordons Ziel war es, mehr Aufmerksamkeit auf diese beiden außerordentlichen Frauen zu lenken – ich denke, das ist ihr gelungen.

Romantic Outlaws ⚬ Taschenbuch: 672 Seiten ⚬ Windmill Books ⚬ ca. 9,99€*


… wenn du ein Buch lesen möchtest, das die Atmosphäre dieses Sommers nicht besser einfangen könnte:

The Miseducation of Cameron Post von Emily Danforth

TW: Selbstverletzendes Verhalten, Homophobie

Worum geht’s?

Um Cameron, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Ihre erste Reaktion: Erleichterung. Erleichterung, dass ihre Eltern nicht wissen, dass sie noch vor ein paar Stunden ein Mädchen geküsst hat. Wir begleiten Cameron über die Jahre hinweg – vom Aufwachsen bis hin in ein Camp, in der ihr ihre Sexualität „abtrainiert“ werden soll.

Meine Meinung

Kennt ihr diese kurzen Blurbs, die manchmal vor dem eigentlichen Buch aufgezählt sind? Eine Leserin hat das Buch so beschrieben: „This book was that final stretch of summer: lazy and too hot and never-ending, but flying by.“ Ich stimme ihr da voll und ganz zu – nur sehe ich das längst nicht so positiv.

Die Atmosphäre in The Miseducation of Cameron Post ist grandios, ganz klar das Highlight des Buches. Es scheint immer heiß zu sein, zu heiß, erstickend heiß; die Stadt ist zu klein, die Leute reden zu viel, und Cameron ist gezwungen, einen so wesentlichen Teil ihrer Identität geheimzuhalten. Als Leser*in spürt man all das Erdrückende, fühlt sich selbst eingeengt.

Mein größter Kritikpunkt ist schlichtweg, dass das Buch langweilig ist. Unglaublich langweilig. Ich habe mich erst vom Filmtrailer, dann von der Buchbeschreibung verführen lassen und war der festen Überzeugung, dass es größtenteils von Camerons Aufenthalt in ebendiesem Camp handeln würde. Dort kommt sie aber erst nach über der Hälfte des Buchs an, und gerade die erste Hälfte zieht sich so sehr. (Die zweite immerhin ein bisschen weniger.)

Alles andere hat mir unglaublich gut gefallen – Camerons eigensinniger Charakter, ihr trockener Humor, der sich über die Jahre hinweg entwickelt; die Freunde, die sie im Camp kennenlernt; die Tatsache, dass die Geschichte, obwohl sie oft einfach nur wehtut, gleichzeitig nicht vollkommen hoffnungslos ist. (Und das Ende ist einfach sehr gelungen.) Auch wenn ich mich durch das Buch kämpfen musste – meine Vorfreude auf den Film ist gestiegen, ich habe nämlich das Gefühl, dass der richtig gut werden könnte.

The Miseducation of Cameron Post ⚬ Taschenbuch: 480 Seiten ⚬ Penguin Books ⚬ ca. 7,99€*


*Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

3 comments / Add your comment below

  1. Deine Meinung zu Restore Me kann ich so gut nachempfinden. Es liest sich immer noch super und ich verstehe Warner nun etwas mehr, aber es gab einfach kaum Handlung und das hat mich auch gestört. Trotzdem bin ich jetzt gespannt, wie es weitergeht und werde sicher auch weiterlesen. Trotzdem hätte man das Buch anders aufziehen können, gerade weil die Fans so lange darauf gewartet haben und die Erwartungen entsprechend hoch waren.
    Auf die Mary Shelley Biografie hast du mich mittlerweile ernsthaft neugierig gemacht. Und hey, eine kurze Recherche hat gerade ergeben, dass meine Uni-Bibliothek das Buch hat, also werde ich es demnächst vielleicht auch lesen.
    Schade, dass du Cameron Post nicht so mochtest, das steht nämlich bei mir auch noch auf der Liste. Mal schauen ob ich es trotzdem mal lesen werde oder nicht, aber die Priorität ist gerade ziemlich gesunken 😀
    Und von Matt Haig möchte ich nach „Reasons to stay alive“ und „Ich und die Menschen“ sowieso alles lesen was er veröffentlicht, da ist es nur eine Frage der Zeit.
    Tolle Kurzrezensionen, danke dafür!
    Liebe Grüße!

    1. Ja, das stimmt. Es wirkt irgendwie, als hätte sich Mafi schnell ein Buch aus dem Ärmel schütteln müssen, ich weiß auch nicht. Ich werde wahrscheinlich die Rezensionen (oder deine Meinung, wenn wir uns bei Band 4 schon so ähnlich sind :D) abwarten und dann entscheiden, ob ich weiterlese. Da hoffe ich lieber, dass Mafis Contemporary mich überzeugen kann.
      Yay, sehr schön! Ich finde es irgendwie super komisch, Biographien zu bewerten bzw. habe schlichtweg keine Erfahrungen damit, daher ist es schön, dass ich dich neugierig machen konnte 😀
      Für die Atmosphäre lohnt es sich wirklich, die ist anfangs besonders stark. Du kannst es ja mal anlesen – bei dem Buch spalten sich die Meinungen teilweise doch sehr 🙂

      1. Auf das Contemporary bin ich auch schon gespannt, das ist ja mal etwas völlig anderes.
        Das glaube ich, da fühlt man sich ein bisschen als würde man das Leben der Menschen bewerten müssen 😀 Bisher habe ich das auch noch nicht gemacht.

Schreibe einen Kommentar