Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert von Caroline Criado Perez

Inhalt

Wir leben in einer Welt, in der Daten über Frauen nur unzureichend oder gar nicht erhoben werden, behauptet Caroline Criado Perez, und macht es sich in Unsichtbare Frauen zur Aufgabe, die Datenlücken an sich, aber auch ihre Entstehungen und Folgen aufzuarbeiten. Denn wenn man die weibliche Perspektive miteinbezieht, so ihr Argument, wird die Welt letztlich für alle Geschlechter ein besserer Ort.

Meine Meinung

Zugegeben: Es ist irgendwie schwierig, ein Buch zu rezensieren, das sich vor allem mit Daten auseinandersetzt, die in über 1300 Fußnoten nachgewiesen werden. Denn wie Criado Perez lang und breit beweist, ist die systematische Benachteiligung von Frauen bei Datenerhebungen ein Fakt, der von den Datenerhebenden, aber auch von den Auswertenden anerkannt werden muss. Nur dann kann eine Welt geschaffen werden, die für alle Geschlechter gerechter ist. Ihr Ausgangsbefund ist dabei denkbar simpel: Die Gender Data Gap

ist schlicht und einfach Ergebnis eines Denkens, das seit Jahrtausenden vorherrscht und deshalb eine Art Nicht-Denken ist. Sogar ein doppeltes Nicht-Denken: Männer sind die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, und über Frauen wird gar nicht geredet. Denn wenn wir „Mensch“ sagen, meinen wir meistens den Mann.

Caroline Criado Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. München 2020, S. 12.

Criado Perez argumentiert (und erfindet damit gewiss nicht das Rad neu), dass in der Gleichsetzung von Mensch und Mann ersichtlich wird, dass der Mann der Standard ist und die Frau als Abweichung behandelt wird. Dies führt dazu, dass Studien entweder nur an Männern durchgeführt werden, Ergebnisse nicht geschlechterdifferenziert aufgearbeitet werden oder sogar argumentiert wird, die Erfassung von Frauen sei aufgrund hormoneller Schwankungen u. Ä. zu ‚kompliziert‘. Es ist daher das Anliegen der Autorin, zu „zeigen, dass das Fehlen der weiblichen Perspektive eine unabsichtliche Verzerrung zugunsten der Männer befördert, die sich selbst […] als ‚geschlechterneutral‘ begreifen.“ (Criado Perez: Unsichtbare Frauen, S. 13)

Und, wie gesagt, gezeigt wird das mehr als genug, in allen denkbaren Lebensbereichen: Ob bei der Stadtplanung oder Naturkatastrophen, bei der Wirkweise von Medikamenten, der Bauart von Schutzwesten oder natürlich in Hinblick auf Care-Arbeit – überall werden Frauen unterschiedlich stark benachteiligt, und beinahe überall könnte diese Benachteiligung revidiert oder zumindest reduziert werden, wenn relevante Daten erhoben und bestehende genützt werden würden. (Es könnte natürlich auch helfen, wenn man Frauen in derartige Entscheidungsprozesse miteinbeziehen würde.) Trotz der zahlreichen Fußnoten geschah es dennoch hin und wieder, dass ich über ein direktes Zitat ohne Nachweis stolperte und nicht sicher war, auf welche Quelle sich Criado Perez bezieht. Da hätte ich mir vielleicht (noch) etwas mehr Transparenz gewünscht.

Zusätzlich hat mir die Übersetzung zuweilen Kopfzerbrechen bereitet. Die Übersetzerin Stephanie Singh arbeitet beim Gendern nicht einheitlich, nutzt manchmal Sternchen, manchmal Schrägstriche oder Paarformen. Außerdem war manchmal nicht eindeutig, ob die maskuline Form verwendet werden sollte, oder ob sie selbst ins generische Maskulinum gerutscht ist. Bei zwei Interviewpartner*innen der Autorin hat die Übersetzerin zumindest indiziert, dass die Geschlechter nicht aus dem Original hervorgingen. Generell hätte ich mir – gerade bei so einem Thema – etwas mehr Fingerspitzengefühl gewünscht.

Apropos Fingerspitzengefühl: Leider verfällt das Buch der Geschlechterbinarität. Zwar kann ich mir vorstellen, dass es zu Menschen jenseits der Geschlechterbinarität noch weniger Daten gibt, aber das wäre eigentlich umso mehr ein Grund gewesen, darauf hinzuweisen – gerade, weil derartig Betroffene meist von mehreren Diskriminierungen auf einmal betroffen sind und derartige Daten dringend benötigt werden.

Mein letzter (marginaler) Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass die Kapitel manchmal etwas willkürlich angeordnet scheinen. Zwar hat Criado Perez übergeordnete Kategorien wie „Alltagsleben“, „Am Arbeitsplatz“ u. Ä. gewählt, aber ich hatte dann doch immer wieder das Gefühl, dass sie thematisch sehr springt, oftmals sogar in einem Absatz. Dadurch, dass sie so viele Studien zitiert, bin ich auch schnell mal durcheinander gekommen und hatte Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was in welchem Kapitel passiert. Das soll jedoch ihre Arbeit in keiner Weise mindern – denn was Criado Perez mit Unsichtbare Frauen vorlegt, ist ein umfassender Katalog, wenn nicht gar eine Grundlagenarbeit von immenser Wichtigkeit. Klar, die Lektüre ist frustrierend, denn neben den zahlreichen Schwachstellen finden sich nur wenige positive Erfolge – aber deshalb ist es umso wichtiger, darüber zu informieren und ein Bewusstsein für die zahlreichen Probleme zu schaffen. Unsichtbare Frauen ist damit in beinahe jeglicher Hinsicht augenöffnend.

Fazit

Was Caroline Criado Perez mit Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert geleistet hat, ist auf jeder Ebene beeindruckend. Das Buch ist gewiss keine leicht verdauliche, aber umso wichtigere Lektüre, die ich, trotz kleiner Schwachstellen, jeder und jedem empfehlen würde.

Und noch ein Tipp zum Weiterlesen: Caroline Criado Perez diskutiert einige Quellen, die in Kate Mannes Down Girl: The Logic of Misogyny ebenfalls eine Rolle spielen. Es ist spannend, zu sehen, wo die beiden Autorinnen ähnliche, wo unterschiedliche Schlüsse ziehen, und wenn euch Unsichtbare Frauen gut gefallen hat, könnte Down Girl ebenfalls interessant für euch sein – hier ist meine Besprechung.

Vielen Dank an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar!

Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert ⚬ übersetzt von Stephanie Singh ⚬ Klappenbroschur: 496 Seiten ⚬ 15€ ⚬

Du magst vielleicht auch

1 Kommentar

  1. Hallo liebe Isabella,

    ich finde das Buch und die Thematik dahinter ziemlich interesssant, finde aber auch deine Kritikpunkte wichtig. Es klingt auf jeden Fall etwas verwirrend, wenn nicht einheitlich gegendert wird. 😀 Ich werde das Buch trotzdem weiterhin im Auge behalten und hoffentlich auch bald mal selbst lesen. ^^

    Liebe Grüße
    Dana

    PS: Ich veranstalte in zwei Wochen einen Lesemarathon und würde mich freuen, wenn du Zeit & Lust hättest, dabei zu sein! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.