The Serpent King von Jeff Zentner

Content Warnung

Depressionen, Suizidgedanken, Waffengewalt, körperlicher und emotionaler Missbrauch, Erwähnung von Kinderpornographie

Inhalt

Dill, Travis und Lydia haben zwei Dinge zusammen: Sie sind miteinander befreundet, und sie sind allesamt in einer kleinen, stark religiös geprägten Stadt im Süden Amerikas aufgewachsen. Ihre Umstände könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein – Dills Vater sitzt wegen Kinderpornographie im Gefängnis, Travis‘ Vater wird von Tag zu Tag zu einer größeren Bedrohung und Lydia bereitet sich darauf vor, nach der Schule auf eine Eliteuni zu gehen. Doch noch während das Ende ihrer Schulzeit naht, werden ihre Welten auf unterschiedliche Weisen erschüttert …

Meine Meinung

Ich weiß nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, mir The Serpent King zuzulegen. Das Buch lag seit über zwei Jahren auf meinem SuB und wäre vermutlich auch dort liegen geblieben, wenn ich nicht in der Heimat ohne einer sonderlich großen Auswahl an Lesenachschub gestrandet wäre. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was mich bei dem Buch erwarten würde – dafür hat es mich umso mehr mitgerissen und sich blitzschnell zu einem meiner Jahreshighlights gemausert.

Zweifellos ist The Serpent King (Zusammen sind wir Helden auf Deutsch, erschienen im Carlsen Verlag) eines der gnadenlosesten und düstersten Jugendbücher, das ich jemals gelesen habe. Und auch irgendwie eines der originellsten in Anbetracht der Bandbreite der Themen, die es anspricht. Zentner scheint das Credo zu haben, dass es nichts gibt, mit dem sich Heranwachsende nicht konfrontiert sehen können, und gerade das macht das Buch so brillant. Im Kern sind die drei Freund*innen mit einer Frage konfrontiert: Wie schafft man es, eine eigene Identität angesichts der Umstände zu entwickeln? Und wer will man überhaupt sein?

Ich fand es sehr spannend, mit welcher Art von Charakteren Zentner die Freundesgruppe besetzt hat. Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass sich Dill und Travis eigentlich sehr ähnlich sind – sie beide kommen aus zerrütteten Familien, sind sozial abgestiegen und haben nicht wirklich die Möglichkeit, nach dem Ende der Schule der Kleinstadt Forrestville (benannt nach dem Gründer des Ku-Klux-Klans für eine extra Portion Ironie) zu entkommen. Während sich Dill von diesem Schicksal erschlagen und gleichzeitig von Lydia im Stich gelassen fühlt, weist Travis einen beinahe trotzigen Optimismus auf – schließlich kann er sich in die ausschweifende Welt seiner liebsten Fantasy-Reihe und in entsprechende Fan-Foren flüchten. Wo Dill durch seine Herkunft determiniert scheint – durch die Erwartungen der religiösen Anhänger seines Vaters, aber auch bereits durch seinen Namen, identisch mit dem seines Vaters und Großvaters –, kann sich Travis vorstellen, in der Kleinstadt zu bleiben und damit zufrieden zu sein.

In dieser Hinsicht fühlt sich Lydia fast wie ein Fremdkörper in der Freundesgruppe an, und manchmal verhält sie sich auch so – zum Beispiel will sie ihre Freunde nicht auf ihrem renommierten Modeblog erwähnen, und immer wieder tappt sie in die Falle eines Retterinnen-Komplexes, wenn sie Travis und insbesondere Dill weismachen will, dass die Welt so viele Möglichkeiten bietet, die sie nur ergreifen können. Nicht nur wird sie nach und nach gezwungen, ihre Privilegien zu reflektieren – überhaupt dient sie als Reflexionsfigur, wird an ihrer eingeschränkten Perspektive doch ersichtlich, wie deplatziert der Spruch, jede*r könne etwas aus seinem*ihren Leben machen, zuweilen sein kann.

Was mich insbesondere rückblickend an dem Buch fasziniert, ist, dass es keinem spezifischen Ausgangs- und Endpunkt zu folgen scheint. Beinahe ist es, als würde man die Leben der Figuren für eine Weile mit der Kamera verfolgen, bis die Speicherkarte voll ist. In scheinbar alltäglichen Prozessen werden damit die Besonderheiten der Lebensumstände der Figuren umso deutlicher. So fühlt sich das Ende der Schulzeit für Dill wie ein Damoklesschwert an, populäre Fantasy-Bücher (die GRRM-Analogie war für mich zumindest nicht zu übersehen) werden für Travis zum Rettungsanker, und ihr Modeblog ist für Lydia emblematisch für ihre Zukunft. Scheinbar durchschnittliche Interaktionen werden dadurch mit einer emotionalen Wucht aufgeladen, die es in sich hat.

Hinsichtlich emotionaler Wucht konnte allerdings nichts den Plottwist toppen, der mich doppelt und dreifach kalt erwischt hat und meine Sichtweise auf das Buch noch einmal drastisch verändert hat. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt wegen eines Buchs so geweint habe, aber nach dieser gewissen Stelle habe ich gut und gerne zehn Minuten geschluchzt, so sehr hat mich das Geschehen mitgenommen. Gerade dadurch habe ich aber auch Zentner noch einmal mehr schätzen gelernt – so etwas Drastisches zu schreiben, kostet eine gewisse Art von Mut, die ich sehr bewundere, gerade weil sie die Willkürlichkeit der Lebensumstände auf eine so schmerzhafte Art und Weise unterstreicht.

The Serpent King ist kein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite ausschließlich düstere Töne anstößt, doch gerade die vereinzelten leichtherzigen, geradezu optimistischen Momente machen den Grundton des Romans so viel schwerwiegender. Ich frage mich immer noch, was mir der Roman, neben den zahlreichen Identitätsverhandlungen, erzählen wollte. Ein Teil von mir will sagen, dass es bei alldem auch um die zentrale Bedeutung von Freundschaft in unseren Leben geht, um ihre Möglichkeiten, aber auch um ihre Grenzen. Ein anderer Teil möchte, durchaus zynisch, sagen, dass es Umstände gibt, die einfach nur unfair sind und keinen Sinn machen und doch passieren, sodass man irgendwie lernen muss, damit umzugehen, wenn man nicht daran zugrunde gehen möchte. Wahrscheinlich trifft beides auf The Serpent King zu. Und nicht zuletzt für diese brutale Ambiguität habe ich das Buch geliebt.

Fazit

The Serpent King ist eines der härtesten, gleichermaßen aber auch ehrlichsten Jugendbücher, das ich seit langem gelesen habe. Zentner zeichnet ein Porträt von drei Freunden in einer konservativen Kleinstadt im Süden Amerikas und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er die Umstände beschreibt, mit denen sich die Heranwachsenden konfrontiert sehen. Ein unglaublich schmerzhaftes, aber dafür umso wichtigeres Buch.

The Serpent King ⚬ Hardcover: 384 Seiten ⚬ Crown Books ⚬ ca. 17€ ⚬

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