The Ballad of Songbirds and Snakes von Suzanne Collins

Inhalt

Die zehnten Hungerspiele stehen kurz bevor. Zum ersten Mal sollen Mentoren – Jugendliche aus dem Kapitol – die Tribute begleiten. Unter ihnen ist Coriolanus Snow, dessen ehemals wohlhabende Familie seit dem Krieg mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Es liegt daher in seinem Interesse, dass sein Tribut – Lucy Gray aus Distrikt 12 – gut abschneidet, denn nur dann er sich ein Studium an der Universität leisten. Und er setzt alles daran, den Lauf der Ereignisse zu beeinflussen …

Meine Meinung

Was The Ballad of Songbirds and Snakes anbetrifft, scheint meine Meinung zweierlei in der Minderheit zu liegen: Einerseits war ich von Anfang an sehr auf das Buch gespannt, und andererseits bin ich auch nach dem Lesen zumindest im Großen und Ganzen von dem Buch überzeugt. Es ist keineswegs perfekt – aber meine Erwartungen an den Prequel wurden voll und ganz erfüllt.

Als angekündigt wurde, dass der Prequel sich um Snow drehen würde, waren viele Fans enttäuscht – lieber hätten sie mehr über altbekannte Lieblinge wie Haymitch oder Mags erfahren. Es herrschte Unverständnis darüber, dass Suzanne Collins sich ausgerechnet dafür entscheiden würden, die Hintergründe eines Tyrannen zu erzählen. Und ich kann das gut verstehen – es gibt schon zu viele Origin-Stories über weiße, privilegierte Männer, die zu erklären versuchen, warum diese ach-so-armen Männer zu Bösewichten geworden sind, und dabei Mitleid erregen wollen. Das Paradebeispiel ist für mich der Joker, ein Film, der mich hin- und hergerissen und nach längerer Überlegung regelrecht abgestoßen hat. Eben weil versucht wird, Empathie bei den Zuschauer*innen aufzurufen.

Aber genau das ist für mich der springende Punkt bei The Ballad of Songbirds and Snakes: Coriolanus erscheint zu keinem Zeitpunkt als bemitleidenswert. Klar, es ist immer noch die Geschichte über einen weißen, privilegierten Jungen, der nach und nach schlimmere Gräueltaten beginnt – doch Collins gelingt es, das Geschehen so darzustellen, dass man sich Coriolanus‘ Vergehen durchaus bewusst ist. Seine Taten werden nicht entschuldigt. Zwar wird nach und nach deutlicher, wie stark sein Umfeld ihn prägt, aber Coriolanus ist niemals wirklich hilflos, trifft letztlich immer noch seine eigenen (schwerwiegenden) Entscheidungen. Es ist nur passend, dass Collins für seine Geschichte in die dritte Person gewechselt ist. Schon damit macht sie klar, dass – im Gegensatz zu Katniss‘ Geschichte – eine distanziertere Erzählhaltung eingenommen wird.

Mit The Ballad of Songbirds and Snakes hat Suzanne Collins für mich daher mal wieder bewiesen, was für ein immenses Fingerspitzengefühl sie besitzt. Bereits als Kind war ich von ihrer Gregor-Reihe beeindruckt, die trotz der jüngeren Zielgruppe nicht vor ernsteren Themen zurückschreckt. Und ihre Hunger Games-Trilogie habe ich mit jedem Lesen mehr dafür schätzen gelernt, wie desillusionierend die Bücher sind. Dass sie die absolut traumatische Erfahrung der Hungerspiele nicht im Geringsten romantisieren. Es ist daher umso spannender, Coriolanus‘ Geschichte zu lesen, da er zu einem Zeitpunkt aufwächst, als die Hungerspiele noch kein wasserdichtes System sind, aber (neben dem Grundgedanken) bereits eine ganz eigene Brutalität besitzen. Hier zeigt sich, wie durchdacht Collins Weltenbau ist, wie viel Sinn diverse Entwicklungen gerade im Hinblick auf die über sechzig Jahre später spielenden Hunger Games-Bücher machen. Es gibt durchaus mehr oder weniger explizite Easter Eggs, die aber (in meinen Augen) nie zu Fanservice ausarten. Ganz Panem wirkt quasi stimmig konzipiert.

Wer also die Hunger Games-Bücher 2.0 erwartet, wird definitiv enttäuscht werden. Es gibt kaum Charaktere in The Ballad of Songbirds and Snakes, die sympathisch sind (oder sein sollen). Das Pacing ist nicht ansatzweise so rasant, teilweise sogar schleppend. Und es ist um einiges philosophischer. Oft vergisst man, dass Coriolanus erst 18 Jahre alt ist – von Anfang an werden komplexe Debatten aufgemacht. Wie kann man die Hungerspiele rechtfertigen? Wie kann das Kapitol die Kontrolle über Panem wahren?Worin besteht die Menschlichkeit eines Einzelnen? Immer wieder wird Coriolanus mit derartigen Fragen konfrontiert. Seine Antworten erscheinen den Leser*innen vielleicht extrem, provozieren aber gerade dadurch die eigene Auseinandersetzung mit den Themen.

Leider konnte mich The Ballad of Songbirds and Snakes jedoch nicht auf voller Linie überzeugen. Mein einer Kritikpunkt ist, wie bereits angedeutet, das Pacing. Nachdem ich die 500 Seiten hinter mich gebracht hatte, hatte ich das Gefühl, mehrere Bücher in einem gelesen zu haben. Immer wieder schien der Plot abzuschweifen, ich war mir unsicher, wohin das Buch führen würde. Letztlich bin ich nicht unzufrieden mit dem Ausgang (wenn auch nicht vollkommen überrascht) – aber was die Stringenz anbetrifft, hätte das Buch meiner Meinung nach noch großzügig gestrafft werden können.

Mein zweiter Kritikpunkt beläuft sich darauf, dass die Nebencharaktere allesamt ziemlich flach ausfallen. Die unterschiedlichen Klassenkameraden von Coriolanus mit ihren Tributen konnte ich nicht einmal ansatzweise auseinanderhalten. Seine Cousine ist hauptsächlich damit beschäftigt, zu arbeiten und sich um ihn zu kümmern. Präsenter sind da Sejanus, ein Mitschüler von Coriolanus, der ursprünglich in Distrikt 2 aufgewachsen ist und die Hungerspiele bitterlich verabscheut, und Dr. Gaul, Forscherin und leitende (= besonders skrupellose) Spielmacherin, die es sich zum Anliegen macht, Coriolanus zu unterrichten. Und dann ist da natürlich noch Lucy Gray, Coriolanus‘ Tribut, Sängerin und stets bunt gekleidet. Aber darüber hinaus erfährt man auch über sie nicht sonderlich viel.

Beim Tippen dieser Rezension habe ich mich gefragt, ob die Zweidimensionalität der Nebencharaktere vielleicht Coriolanus‘ Sichtweise geschuldet ist – allzu oft wird deutlich, dass er sich nicht für seine Mitmenschen interessiert. Selbst als er und Lucy Gray sich „näherkommen“ (ohnehin fragwürdig bei dem eklatanten Machtunterschied zwischen den beiden), wechseln sich seine romantischen Gefühle mit einem Kontrollbedürfnis und rein pragmatischen Überlegungen ab. (Finde ich persönlich sehr gut gemacht und verweist wieder darauf, dass man Coriolanus gar nicht sympathisch finden kann, weil er so eindeutig toxisch ist.) Aber selbst wenn die Zweidimensionalität von der Perspektivierung herrührt, bleibt mein Eindruck, dass es teilweise schwierig war, mich groß um das Geschehen zu scheren. Was es, zusammen mit dem ohnehin langsamen Pacing, erschwerte, wirklich mitgerissen zu werden.

Dennoch würde ich den Prequel empfehlen – wenn ihr bereit seid, die ein oder andere Durststrecke durchzustehen, und euch mit einem durch und durch unbequemen Erzähler auseinanderzusetzen. Schließlich wissen wir ja alle, wo Coriolanus Snow schließlich landet.

Fazit

The Ballad of Songbirds and Snakes hat mich zwar nicht so sehr umgehauen wie die Hunger Games-Trilogie, aber ich bin dennoch begeistert davon, wie gut es Suzanne Collins gelungen ist, einen Tyrannen wie Coriolanus Snow zum Protagonisten zu machen, ohne ihn eindimensional darzustellen, gleichzeitig aber auch keinerlei Sympathie für ihn weckt. Trotz einem schleppenden Pacing und flachen Nebencharakteren würde ich das Buch allein schon für die vielfältigen Debatten und den überlegten Weltenbau weiterempfehlen.

The Ballad of Songbirds and Snakes ⚬ Hardcover: 517 Seiten ⚬ Scholastic ⚬

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5 Kommentare

  1. Hallo Isabella, es ist nicht unbedingt mein Genre, dennoch finde ich deine ausführliche Rezension sehr ansprechend und gelungen. Ich habe deinen Blog vor einigen Wochen entdeckt und lese inzwischen sehr gerne hier.

  2. Huhu 🙂
    Ich habe bisher irgendwie nur negativere Meinungen zu dem Buch gelesen, deshalb freut es mich, jetzt deine (sehr gelungene) Rezension zu lesen. Ursprünglich hatte ich mich auf das Buch gefreut, aber ich bin gerade komplett raus aus dem Panem-Fieber und werde es wohl irgendwann mal noch lesen, wenn mir danach ist 😀 Aber deine Meinung macht mich nun doch neugieriger 🙂
    Liebste Grüße
    Kat

    1. Liebe Kat,
      freut mich, dass ich dich etwas neugierig machen konnte 🙂 Allerdings kann ich auch gut verstehen, dass das Panem-Fieber bei dir abgeklungen ist – so geht es mir oft (*hustCassandraClarehust*) bei anderen Fandoms. 😀
      Alles Liebe
      Isabella

  3. Liebe Isabella,

    ich scheitere gerade kläglich an einer eigenen Rezension zu The Ballad of Songbirds and Snakes und kann deine deswegen nur loben. Diese Rezension las sich, als wenn du in meinen Kopf gegriffen hättest und alles rausgenommen hast, was mir zu diesem Buch einfiel. Du hast es geschafft, all meine unfokussierten Gedanken und Eindrücke darzulegen und das dabei noch so schön geordnet und formuliert … hach. Ich stimme dir aus vollem Herzen zu.
    Ich hatte gar keine direkten Ansprüche an das Buch, habe aber doch auf eine Art genau das bekommen, was ich mir erhofft hatte – mehr zur Entwicklung der Hungerspiele. Und lustigerweise bin ich hier beim Lesen teilweise genauso angewidert gewesen, wie bei meinem ersten Versuch mit der Trilogie. Irgendwie beruhigt es mich zu wissen, dass Suzanne Collins mich a) immer noch schocken kann – ich also trotzt Game of Thrones und Konsorten noch nicht abgestumpft bin – und b) mein moralischer Kompass nach so vielen Jahren Paneemliebe (& anderen Dystopien) noch funktioniert.

    Übrigens: eklatant ist ein großartiges Wort. Die Beziehung zu Lucy hat mich teilweise so alarmiert und abgestoßen- whoa, ich hoffe, jeder Lesende erkennt, wie falsch diese Beziehung war und warum. Ich rechne es dem Buch auch hoch an, dass es nicht versucht hat Snow zu romantisieren, das gab es schon oft genug und es war nie okay.

    Alles Liebe an dich
    Friederike.

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