
Anlässlich des 50. Jubel-Jubiläums der Hungerspiele plant das Kapitol, doppelt so viele Tribute in die Arena zu schicken. Unter ihnen ist Haymitch Abernathy, der sich an seinem 16. Geburtstag von seiner Mutter, seinem Bruder und seiner geliebten Lenore Dove verabschieden muss. Schon bald muss er feststellen, dass die Spiele schon vor der Arena beginnen – und er Teil von etwas Größerem ist, das er noch längst nicht überblicken kann …
Die Kluft zwischen Theorie und Praxis
Als letztes Jahr Sunrise on the Reaping angekündigt wurde, las man in den sozialen Medien wieder und wieder den Take, dass Suzanne Collins nur dann einen neuen Roman veröffentliche, wenn sie wirklich etwas zu sagen habe. In einem damals veröffentlichten Statement brachte sie das Konzept der implicit submission, also blinder Unterwerfung, des Philosophen David Humes ins Spiel: Warum lässt sich die Mehrheit einer Bevölkerung von einigen wenigen regieren?
Als wäre die Messlatte für SOTR mit dem Fan-Liebling Haymitch als Protagonisten noch nicht hoch genug gelegen, schien nun die ganze Welt zu erwarten, dass Collins sich den brennendsten Problemen unserer Gegenwart widme. Das ist für mich in zweierlei Hinsicht eine kuriose Entwicklung: Zum einen plädiere ich seit Jahren dafür, dass die Hunger Games-Trilogie weitaus komplexer ist als ihr das YA-Label zugesteht. Zum anderen schätzte ich The Ballad of Songbirds and Snakes gerade für seine komplexen moralischen Debatten, doch der Roman wurde nicht zuletzt durch die Verfilmung mit Tom Blythe stark auf Thirst-Traps des jungen Snows reduziert.
Aber dann hielt ich das Buch in den Händen und musste mir eingestehen, dass auch ich hoffte, dass es Spuren hinterlassen würde – in mir, in der Welt. Ich hatte so oft Trost in der Trostlosigkeit der Hunger Games-Trilogie gefunden, war beeindruckt von Collins‘ ethischem Feingefühl in TBOSAS gewesen – wenn jemand diesen Roman schreiben konnte, dann wohl sie. Man muss auch nicht weit lesen, um sich in dieser Erwartungshaltung bestätigt zu fühlen: Vorangestellt finden sich direkt zwei Hume-Zitate, dazu George Orwell und William Blake, ein regelrechtes dystopisches Trio wird hier aufgemacht. Und wer mit der ganzen trockenen Theorie nichts anfangen kann, findet sie auch minimal subtil in den Roman eingeflochten:
He‘s not taunting or mocking us, he‘s genuinely asking. „Why do you agree to it? Why do I? For that matter, why have people always agreed to it?“
Suzanne Collins: Sunrise on the Reaping, S. 104
Es ist Plutarch Heavensbee, der diese Frage an Haymitch stellt, eine Frage, die ebenso provokativ wie platt wirkt: Warum lassen sich die Leute unterdrücken? Allein die Formulierung scheint falsch. Aber vielleicht stößt sie gerade deshalb auf einen wahren Kern – dass Snows Schreckenregime ohne Unterstützung keine Chance hätte. Und dass alle Bewohner*innen Panems in mancherlei Hinsicht zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Untergangs beitragen.
Haymitch weiß nicht, ob er von Plutarch für dumm verkauft oder geärgert wird – und die Frage zu beantworten, ist ihm doppelt unmöglich. Schließlich will er nichts mehr, als zu seiner geliebten Lenore Dove zurückkehren – oder in der Arena zumindest in Würde zu sterben. Und jetzt soll ausgerechnet er in rebellische Pläne einbezogen werden, und noch dazu von Plutarch, der als Kameramann selbst Teil der Propaganda-Maschine des Kapitols ist? Nicht nur Haymitch ist verwundert; ich als Leserin war es auch.
Haymitch ist nämlich keine Katniss, die zwar in eine Rebellion hineinstolpert, aber immer wieder mit ihrer Rolle hadert und diese reflektiert. Haymitch ist, und das meine ich im besten Sinne, in jeglicher Hinsicht ein Heranwachsender, der zwar das Kapitol hasst, aber keinerlei Ambitionen hat, das in Taten umzusetzen. Sein Verhalten, allein seine Stimme werden von Collins als jugendlich gezeichnet, und das ist wunderbar. Wann immer Haymitch allerdings an rebellischen Aktionen beteiligt war, machte sich eine Kluft zwischen seinem Charakter und seinen Taten auf. Nie wird plausibel, warum er sich nun entschieden hat, sein Leben – und insbesondere das seiner innig geliebten Familie – zu riskieren.
Es ist exakt die Kluft, die sich zwischen Collins‘ theoretischem Überbau und der praktischen Umsetzung aufmacht. Zu oft erschien mir der Roman wie ein Vorwand, um ihre Meinung zu KI, den sozialen Medien und totalitären Tendenzen loszuwerden: „He sighs when he mentions the tools that were abolished and incapacitated in the past, ones deemed fated to destroy humanity because of their ability to replicate any scenario using any person.“ (S. 201) Wo die ganzen Debatten durch den Akademie-Kontext in TBOSAS sich natürlich in den Romanverlauf einfügen, fühlen sie sich hier oft fehlplatziert an.
Plutarch – der heimliche Protagonist?
Mir geht es hierbei keinesfalls darum, die Inhalte des Romans zu kritisieren. Wie gesagt, fand ich die aufgeworfenen Fragen an sich spannend, zum Beispiel auch die Debatten darüber, wie die mediale Berichterstattung die Wahrheit verzerren kann. Besonders gut gefiel mir, einen weiteren Abschnitt in der Geschichte der Hungerspiele kennenzulernen. Reiht man Snows, Haymitchs und Katniss‘ Geschichten aneinander, wird deutlich, dass über Jahrzehnte weg versucht wurde, die Umstände zu ändern – dass es eine Frage der Zeit, vor allem aber auch eine Frage der Ausdauer war, bis die Revolution endlich gelang.
You were capable of imagining a different future. And maybe it won‘t be realized today, maybe not in our lifetime. Maybe it will take generations. We‘re all part of a continuum. Does that make it pointless?
Suzanne Collins: Sunrise on the Reaping, S. 377
Die erste Hälfte von SOTR, bevor Haymitchs Spiele beginnen, las ich gerade deshalb so gerne, weil sie Einblicke in diese Zwischenschritte gewährte, Verbindungen aufmachte, alte Bekannte und neue Figuren auf den Plan rief und die Welt, die so große Teile meiner Jugend prägte, noch mal komplexer wurde. Collins stand ja mit SOTR schon vor der Herausforderung, dass Haymitch eine allseits bekannte – und beliebte – Figur ist, deren Hungerspiele in Catching Fire rekapituliert werden und der in Mockingjay von dem Schicksal berichtet, das ihm danach widerfahren ist.
SOTR musste also sowohl in die emotionalen Fußstapfen eines Fan-Favoriten treten als auch strukturell zu dem Vorwissen passen. Für mich zählen die Hungerspiele zu dem schwächeren Teil des Romans. Viele der neu eingeführten Figuren wurden in der knappen Zeit nicht plastisch genug, ich rätselte immer wieder über Haymitchs Handlungen und – das war vielleicht der gravierendste Part – vor allem waren sie schrecklich repetitiv. Der ganze politische Kontext reizte mich mehr als das x-te grauenvolle Spektakel.
Als ich Sunrise on the Reaping schließlich zuschlug (und beim Epilog natürlich doch noch ein paar Tränen verdrückte), hatte ich gemischte Gefühle. Es ist immer ein Geschenk, wenn man als Erwachsene wieder auf ein Neues in Welten aus der Kindheit eintauchen kann. Auch wenn ich meine Kritikpunkte habe, mindert das nichts an meiner Begeisterung für Suzanne Collins und den großen Fragen, die sie mit ihren Büchern aufzuwerfen vermag.
Ein Gedanke war allerdings besonders präsent: Ich wünschte, Plutarch wäre der Protagonist von SOTR gewesen. Hear me out: Was die behandelten Themen anbetrifft, hätte das wenig Unterschied gemacht. Schließlich könnte man auch aus Plutarchs Perspektive als Kameramann aufzeigen, wie die Berichterstattung verfälscht wird. Er hätte vielleicht auch Zugang zu allen Aufnahmen aus der Arena und wäre nicht nur auf das, was im Fernsehen ausgestrahlt wird, beschränkt. Vor allem hatte Plutarchs Figur für mich schon immer einen immensen Reiz, weil es ihm immer wieder gelingt, zentrale Positionen einzunehmen, ohne im Rampenlicht zu stehen, dabei zwar einen guten Zweck zu vertreten scheint, aber gleichzeitig nicht ohne moralische Ambiguität auskommt. Was ihn geprägt hat, hätte ich gerne gelesen. Andererseits mag ich ihn wahrscheinlich gerade deshalb so gern, weil nicht jeder Winkel seiner Geschichte ausgeleuchtet wurde. Vermutlich stecken gerade darin meine Schwierigkeiten mit Sunrise on the Reaping.
Fazit
Sunrise on the Reaping hatte einiges an Erwartungen zu erfüllen. In Teilen ist das Suzanne Collins gewiss gelungen. Gewohnt souverän geht sie große Fragen und moralische Dilemmata an. Leider gelang es mir weniger gut, Haymitchs Handlungen nachzuvollziehen, und ich hatte Schwierigkeiten, in ihm die Figur zu erkennen, die ich über Jahre hinweg zu schätzen gelernt habe. Aber da wir uns ja im Hunger Games-Franchise befinden, setze ich große Hoffnungen in den Film, der Komplexität der Geschichte gerecht zu werden, indem er nicht an eine Figur gebunden ist.
Sunrise on the Reaping ⚬ Hardcover: 382 Seiten ⚬ Scholastic ⚬ ca. 19€* ⚬ 
Ein Kommentar
Liebe Isabella,
seit diese Rezension online ging, komme ich alle paar Monate darauf zurück, immer mit unterschiedlichen Gefühlen und habe es bisher nicht geschafft diese in einen Kommentar zu falten. (Gute Gefühle tho! nur zu viele ums in Worte zu packen, die Sinn ergeben.)
Vorneweg: Ich mag deine Rezension. Besonders weil sie so introspektiv ist, sich fließend mit den Themen des Buches auseinandersetzt und die präsentierten Ideen diskutiert.
Ich habe SOTR bisher nur einmal gelesen und mittlerweile sind meine Erinnerungen an das Buch wahrscheinlich eher Wunschdenken, als sicheres Wissen, weswegen ich dir nicht mal widersprechen kann, haha. Ich habe das Buch im Frühjahr 2025 sehr genossen und mich schniefend durch die ganze Panem-Nostalgie gekämpft, die dadurch aufkam. Muss es aber definitiv nochmal lesen bevor dieses Jahr (what?!) der Film rauskommt.
Ich hatte keine Schwierigkeiten mich in Haymitch reinzufühlen, ich musste mich kurz an seine Stimme gewöhnen, die so viel lebhafter ist als Katniss oder Snow und es hat beinahe weg getan, als mir klar wurde, dass Haymitch mit seinem Leben scheinbar zufrieden ist. Er hatte einen Plan für die Zukunft der komplett in das erlaubte Selbstverwirklichungskonstrukt Panems und Distrikt 12 reinpasste. That boy wasn’t a rebell. Und dann zu lesen wie das Kapitol, Snow und alle beteiligten der Spiele und Rebellion ihn zu dem Charakter formen, den Katniss später kennenlernen wird, war so wahnsinnig tragisch. Ich verstehe deine Kritik mit dem theoretischen Oberbau und der Umsetzung, auch wenn es mich beim Lesen nicht gestört hat, aber wenn ich es nochmal lese, werde ich mal drauf achten.
btw: ich bin nicht mal ansatzweise bereit für de Film, Joseph Zada hat mir schon mit seiner Rolle in We Were Liars das Herz gebrochen, wie soll ich da erst Haymitch überleben? Dieser Teaser im November hat mir so hart Gänsehaut beschert.
Alles Liebe,
Friederike
PS Bisschen ein Crime, dass niemand sonst bisher kommentiert hat, das ist so eine gute Rezension!