NSA von Andreas Eschbach

Trigger-Warnungen: Vergewaltigung (explizit beschrieben und angedeutet), sexualisierte Gewalt, Suizid und Suizidversuch (Methode genannt, aber nicht explizit beschrieben).

Inhalt

Was wäre, wenn es im Dritten Reich bereits Technologien wie Handys und Computer gegeben hätte? Die Antwort auf diese Frage liegt im Nationalen Sicherheits-Amt, das die dadurch gesammelten Daten auswertet. Als Helene Bodenkamp dort zu arbeiten beginnt, stellt sie fest, dass ihr das Programmieren liegt – und dass sie damit sowohl Nutzen, vielmehr aber unermesslichen Schaden erzeugen kann. Eugen Lettke, der ebenfalls dort angestellt ist, setzt die Technik von Anfang an zu seinem Vorteil ein … und überschreitet dabei eine Grenze nach der anderen.

Meine Meinung

Bevor ich NSA gelesen habe, war ich einer dieser Menschen, die auf Nachrichten von Datenklau geantwortet hat: „Was soll‘s. Ich habe nichts zu verbergen.“ Nennt mich naiv, aber es brauchte dieses Buch, um mich davon zu überzeugen, dass es hier nicht ums Verbergen geht; es geht darum, dass Daten Daten sind und sie, wenn gewisse Personen es darauf anlegen, zum Nachteil (sehr beschönt formuliert) ausgelegt werden können.

Auf das nur semi-fiktive Szenario angewandt, das Andreas Eschbach in dem Roman aufzeichnet, heißt das: Daten werden ausgenutzt, um Rebellengruppen zu stoppen, um Verstecke zu plündern, um sicherzugehen, dass kein*e Bürger*in sich auch nur im Ansatz kritisch äußert.

NSA ist harter Tobak. Auf den 800 Seiten entsteht zuweilen der ein oder andere Moment, in dem man die grausamen Umstände vergisst, aber diese Blase währt nie lange. Denn die Tatsache, dass Realität und Fiktion verwoben werden, erzeugt ein Gefühl der Bedrohung, da dieses Szenario letztendlich nur einen Handgriff, eine Entscheidung entfernt war. Hätte Charles Babbage es geschafft, die Analytical Engine vor 150 Jahren fertigzustellen … hätte, hätte, hätte.

Ich war vorgestern auf einer Lesung von Andreas Eschbach, wo er eben über NSA geredet und auch Fragen beantwortet hat. Er meinte unter anderem, dass es sich hierbei nicht um einen Roman über das Dritte Reich handele, und ich schätze, das stimmt – im Fokus stehen ganz klar die technischen Entwicklungen, das NSA und dessen Arbeit. Der Zweite Weltkrieg ist omnipräsent, aber selten explizit thematisiert; dass das NSA in Weimar steht, trägt vermutlich seinen Teil dazu bei.

Dass die Geschichte sich ausgerechnet auf Helene und Eugen fokussiert, finde ich besonders spannend. Beide bewegen sich in moralischen Graubereichen, Eugen ist es, der explizit wieder und wieder Grenzen übertritt und schließlich eine Straftat nach der anderen begeht. Er nutzt nämlich die Daten des NSAs, um einerseits Rache zu nehmen, andererseits aber auch, um wahllose Opfer auszuwählen, die irgendetwas verbergen, und diese dann sexuell zu nötigen. Ich weiß nicht, ob es dieses Extrem gebraucht hätte, um die Geschichte zu erzählen, aber gerade an seinem durch und durch verwerflichen Charakter zeigt sich sehr gut, wie Macht missbraucht wird – egal, auf welcher Ebene.

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Ich hatte bei Eugen die ganze Zeit darauf gehofft, dass er für die Straftaten zu Rechnung gezogen wird. Zwar nimmt seine Geschichte kein gutes Ende, aber als die SS auf all das aufmerksam wird, heißt es tatsächlich nur: Das war daneben von dir, aber wir haben gerade Wichtigeres zu tun (heißt: Juden zu verfolgen). Damit wird wiederum aufgezeigt, wie das Strafsystem auf allen Ebenen versagt, wie diese schrecklichen, menschenentwürdigenden Verbrechen zweitrangig nach ideologischem, hirnverbrannten Mist stehen. (Zumindest hoffe ich inständig, dass das die Intention war.)

Meine Beziehung zu Helene ist insofern komplizierter, als dass es das halbe Buch benötigte, bis ich realisierte, dass sie nicht dieses graue Mäuschen ist, das schüchtern, unauffällig, intelligent ist, aber sich am Ende des Tages stets für das Gute einsetzt. Natürlich kann man hier keine fixen Grenzen ziehen, kann nicht moralisch klare Bereiche definieren, aber ich wage zu behaupten, dass Helene alles andere als moralisch einwandfrei ist. Denn als sie beim NSA anfängt, geht es ihr einzig und allein ums ‚Stricken‘ (so heißt das Coden im Buch) – nicht darum, was man mit ihren Programmen anstellen könnte. Wie Eugen nutzt sie die Macht, die ihr durch diese Position gegeben wird, vorrangig für ihre eigenen Zwecke aus. Und natürlich gilt, dass auch Schweigen nicht als Widerstand genügt.

Ich habe an NSA letztendlich zwei Kritikpunkte, schätze ich: Der eine ist die Liebesbeziehung, die sich zwischen Helene und einem Deserteur entwickelt, den sie schließlich zu verstecken hilft. Die Beziehung bahnt sich lange an, wird dann aber doch recht intensiv. Da ich nicht zu viel verraten will, sagen wir‘s so: Helene ist so verzweifelt, jemanden zu haben, der sie liebt, dass sie alles tut, um ihn zu „behalten“. Und daher in der Konsequenz Dinge tut, bei denen ich schlichtweg nicht wusste, ob ich sie doch zu überspitzt finde oder ob ich Helene einfach nur verurteile (ich sag‘s euch, Grauzonen!).

Der andere Grund ist das Ende: Nicht das Ende per se – das ist „großartig“ –, sondern die Tatsache, dass alles mit einem Mal so schnell passiert, dass ich gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Ich kann mir gut vorstellen, dass das den Schock-Faktor des Buches unterstreichen soll, funktioniert ja auch. Aber da mir diese 800 Seiten ohnehin schon nicht sonderlich lang vorkamen, hätte ich es doch irgendwie geschätzt, wenn die Entwicklungen (noch) mehr Raum erhalten hätten. So oder so hat NSA mächtig Eindruck hinterlassen – das Buch wird mich ganz gewiss noch eine Weile beschäftigen.

Fazit

NSA ist mein erster Roman von Andreas Eschbach, wird aber definitiv nicht mein letzter sein. Eschbach nimmt das Setting des Dritten Reichs und zeigt auf, dass nicht das Problem ist, dass es all diese Daten gibt – das Problem sind diejenigen, die die Daten missbrauchen. Von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd, wachrüttelnd und schockierend.

NSA ⚬ Hardcover: 800 Seiten ⚬ Einzelband ⚬ Bastei Lübbe ⚬ 22,90€*


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4 Kommentare

  1. Ich war ja schon sehr gespannt auf die ersten Meinungen zu NSA, da ich den Plot auch sehr interessant, aber auch aktuell finde. Somit kann ich mir gut vorstellen, dass das Buch einen geschockt und auch nachdenklich zurücklässt. Mit einer Liebesgeschichte hätte ich jetzt gar nicht gerechnet, ob es die braucht, fraglich. Aber ich habe das Buch auch noch nicht gelesen und kann das nun schwer beurteilen. So oder so: deine Rezension hat mir Lust auf das Werk gemacht und wenn man bedenkt, was gerade so in Deutschland passiert, ist das ganze wohl noch schockierender. Daten sind Macht, nicht umsonst gibt es jetzt eine Liste wo man Lehrer anschwärzen kann. Was man damit erreichen möchte, sollte klar sein und zeigt, dass das halt nicht mehr nur noch Fiktion ist.

    1. Ja, da hast du recht – es ist fast schon erschreckend-bizarr, zu welchem Zeitpunkt dieses Buch veröffentlicht wurde. An die Liste hab ich tatsächlich während des Lesens denken müssen; ich hatte gerade erst mit dem Lesen angefangen, und relativ am Anfang gibt es eine Szene, wo beschrieben wird, wie die Lehrer nach und nach ausgetauscht werden … und dann schalte ich die Nachrichten an und stolpere über den Beitrag, wo von dieser Website erzählt wurde. Ich kam mir vor wie in einem sehr, sehr schlechten Film.
      Wenn du das Buch liest, bin ich gespannt auf deine Meinung!

  2. Ohh, ich war SO kurz davor, das Buch mitzunehmen, als ich es letzte Woche in der Bücherei gesehen habe! Aber ich war nicht sicher, ob ich momentan in der Stimmung dafür bin (außerdem hat mich die Seitenzahl ein bisschen abgeschreckt, wo doch mein SuB hinter mir steht und weint).
    Deine Rezension hat mich jetzt aber definitiv davon überzeugt, dass ich es mal mitnehmen muss (wenn auch nicht unbedingt in nächster Zeit). Ich hatte heute gerade erst eine Univorlesung zum Thema „Medien im Nationalsozialismus“ und auch wenn ich immer dachte, recht viel darüber zu wissen, hat sie doch noch ein paar neue Dinge aufgezeigt. Besonders, dass so einiges (besonders Filme) davon, heute eine Art Revival feiert. Gar nicht auszudenken, was da mit den aktuellen Medien möglich wäre.

    1. Na gut, zum Glück laufen Bücher ja nicht weg. 😀 Falls du es beim nächsten Mal mitnimmst und liest, gib mir Bescheid, wie es dir gefällt!
      Die Vorlesung klingt super spannend und beängstigend zugleich. Da ich mich letztes Semester bei der Hausarbeits-Recherche so verrannt habe, dass ich irgendwann bei den ideologischen Beginnen des NS gelandet bin, kann ich diese erschreckenden Parallelen, die du beschreibst, gut nachvollziehen. Man kann irgendwie nicht so recht das Gefühl abschütteln, dass sich alles wiederholt.

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