Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Inhalt

England 1906. Cathy ist 15 – und schwanger. Wenn es nach ihren Eltern ginge, dürfte sie ihr Kind gleich nach der Geburt weggeben und wieder zu ihrem „normalen“, gesellschaftlich akzeptierten Leben zurückkehren. Aber Cathy will das Kind behalten, und als sie eine Zeitungsannonce für eine Arbeitsstelle in Papa Jacks Spielzeugemporium entdeckt, ergreift sie die Chance, sich und ihr Kind zu retten – ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, wie diese Entscheidung ihr Leben und das von Papa Jack und seinen zwei Söhnen unwiederbringlich verändern wird …

Meine Meinung

Eins vorneweg: Würde ich nur die zweite Hälfte von Die kleinen Wunder von Mayfair bewerten, wären es fünf Sterne geworden, oder zumindest sehr, sehr gute vier Sterne. Denn die Qualitätsunterschiede zwischen der ersten und der zweiten Hälfte sind so gravierend, dass ich das Buch in den ersten 200 Seiten gut und gerne beiseite gelegt und bis in alle Ewigkeit vergessen hätte. Der Haken des Ganzen ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich da die Einzige bin – da ich das Buch in einer Lovelybooks-Leserunde gelesen und diskutiert habe, ist mir aufgefallen, dass die anderen durchmischten Meinungen durchgehend die zweite Hälfte kritisierten und die erste bevorzugten.

Die Freuden von subjektivem Empfinden.

Es bleibt mir also wohl oder übel übrig, zu versuchen, zu benennen, wie das Buch auf mich seinen Zauber entfaltet hat – warum ich beim Lesen der ersten zweihundert Seiten schrecklich gelangweilt war und beim Lesen der letzten hundert Seiten fast durchgängig Tränen in den Augen hatte. Die Gründe dafür sind für mich schwer zu fassen.

Robert Dinsdale führt den/die Leser/in durch viele, viele Jahre – beinahe ein halbes Jahrhundert, von 1906 bis 1953. Manche Augenblicke werden ausführlicher behandelt als andere, andere in einem Zeitraffer eingehüllt. Es ist bewundernswert, wie geschickt er das macht, wie sanft diese Übergänge gelingen. Nur wenige Transitionen sind etwas holprig gelöst (mit Sätzen wie „Jahreszahl. Jahreszahl. Jahreszahl“), aber im Großen und Ganzen hat man nie das Gefühl, sich nicht orientieren zu können oder zu abrupt eine Epoche zu verlassen. Die historischen Umstände bilden auch mehr einen Rahmen als alles andere. Ein Großteil der Handlung spielt sich allerdings in Papa Jacks Emporium ab.

Das Emporium ist ein weiterer Aspekt des Buchs, der mich unglaublich fasziniert hat: Von Papa Jack vor vielen Jahren gegründet, arbeiten nun er und seine Söhne Kaspar und Emil stetig an neuen Spielzeugen. Patchwork-Hunde, die ein Eigenleben entwickeln, wenn man sie aufzieht. Spielzeugsoldaten, die in Schlachten gegeneinander ziehen. Truhen, in denen ganze Leben Platz haben – und noch viel mehr. Dinsdale hat seiner Kreativität freien Lauf gelassen, und es gäbe noch tausendfach mehr zu entdecken. Das Spannende ist meiner Meinung nach, dass man nie so recht weiß, ob es „wirkliche“ Magie ist, wie viel sich in den Köpfen abspielt, ob es überhaupt kein System gibt, ob Vater und Söhne nicht einfach „nur“ handwerklich geschickt sind.

Es gibt Hunderte verschiedener Uhren im Emporium. […] Sie alle messen die Zeit so, wie Kinder es tun – etwas, das die Erwachsenen verlernt haben. Nur Kinder wissen, warum der eine Tag eine Ewigkeit dauern kann, während der andere in einem Wimpernschlag vergeht. (S. 41)

Papa Jack selbst hat eine eigene, unglaublich tragische Hintergrundgeschichte, die an einer Stelle im Buch erzählt wird. Abgesehen davon rückt er aber so sehr in den Hintergrund, dass man das Gefühl hat, dass er vom Autor schlichtweg vergessen wurde – zumindest hatte ich den Eindruck, dass er einen wesentlichen wichtigeren Part in der Geschichte verdient gehabt hätte. Und dass die Geschichte zu Beginn auch so aufgezogen wurde.

Auf Kaspar und Emil liegt ein weitaus größerer Fokus, und mit ihnen wird ein Thema eröffnet, das sich durch das Buch zieht: Krieg. Es beginnt als Rivalität zwischen den beiden, mit Schlachten, die sie mit ihren Spielzeugsoldaten austragen, aber gerade Emil kämpft auch mit dem Gefühl, sich seinem Bruder gegenüber beweisen, der bessere der beiden sein zu müssen. Aber mit dem Ersten Weltkrieg wird Kaspar verpflichtet, nicht ohne Folgen – Robert Dinsdale geht sehr sensibel mit dem Thema um und stellt sichtbare und vor allem unsichtbare Narben dar. (Wenn man mich fragt, hat Kaspar eine PTSD, aber der Begriff fällt natürlich nicht explizit.)

Mit dem aufkommenden Bruderkonflikt dachte ich mir zum ersten Mal: Oh, das ist spannend. Davor war ich durchgehend gelangweilt – und irritiert. Hierbei kommt Cathy ins Spiel, die ich in dieser Rezension noch gar nicht erwähnt habe, ganz einfach aus dem Grund, dass ich bis zum Ende des Buchs nur bedingt ein Fan von ihr war und gerade in der ersten Hälfte überhaupt nicht mit ihr warm wurde.

Cathys Schwangerschaft ist schon mysteriös genug – alleine diese Passage:

Sie hatten zusammen Weihnachtslieder gesungen, Löwenzahn gepflückt, auf dem Erntedankfest Kuchen gegessen – und als sie sich dann eines Tages am hinteren Tor getroffen und andere Dinge zusammen getan hatten, fühlte es sich nicht komisch an. Aber verliebt, nein, verliebt waren sie nicht gewesen. (S. 19)

Fassen wir zusammen: Cathy ist 15, anscheinend nicht aufgeklärt, macht „andere Dinge“ mit dem Nachbarsjungen aus experimentellen (?) Gründen, da sie ja nicht verliebt ist. Um das als Leserin zu akzeptieren, muss ich zumindest annehmen, dass Cathy doch sehr naiv ist. Sie ist ja auch 15. Aber immer wieder in den ersten Kapiteln gibt es diese Spannung zwischen Cathys Alter und ihrer Naivität … und ihrem restlichen, nüchternen, durchaus erwachsenen Verhalten. Wir erhalten nie recht einen Einblick in ihren Kopf, erfahren nie, was sie fühlt, außer eines: die Liebe zu ihrem ungeborenen Kind. Das ist das Charakteristikum, über das Cathy vorrangig definiert wird, und viel kommt im Laufe des Romans nicht hinzu – obwohl ein Großteil aus ihrer Sicht verfasst ist. Ich konnte aber nie dem Eindruck entgehen, dass Cathy mehr eine Reflexionsfigur und gleichzeitig ein Katalysator ist als alles andere. Was die anderen sagen, tun, wird durch sie wiedergegeben, und Cathys Ankunft im Emporium löst die restlichen Plotpunkte aus. Sie wirkt wie ein halbherzig konstruiertes Plot Device, um es anders auszudrücken.

Wie gesagt – im Laufe des Buchs legt sich das zwar nicht, wird aber erträglicher. Es gibt Augenblicke, in denen Cathy mehr ist als nur Mutter, mehr als nur eine Reflexionsfläche; aber die Tatsache, dass ich mich nie wirklich dazu durchringen könnte, mich für sie zu interessieren, minderte im Umkehrschluss drastisch mein Interesse an dem Buch.

Geschichten waren wie ein ganzes Leben, gelebt innerhalb von ein paar Dutzend Seiten. Wie schnell mochte der Verstand wachsen, wenn man lesen und eine Geschichte nach der anderen verschlingen konnte? (S. 332)

Aber Die kleinen Wunder von Mayfair hat mich doch für sich einnehmen können. Als die Magie des Emporiums hinter den Grausamkeiten der „echten Welt“ immer weiter zurücktritt und im Gegenzug Konflikte in allerlei Bereichen ansteigen, merkte ich, wie sehr ich doch an den Charakteren hing. Damit meine ich vor allem Kaspar, aber auch Cathys Tochter Martha. Wo mir die Motivationen der anderen Charaktere oft dürftig erschienen, sind diese beiden so gelungen, dass es unglaublich viel wettgemacht hat. Gepaart mit einigen ungeahnten Wendungen inhalierte ich die letzten hundert Seiten in nahezu einem Stück. Ich beendete das Buch mit dem bittersüßen Gefühl, ein Stück von mir in der Geschichte zurückgelassen zu haben, gleichzeitig war ich froh, dass ich durch die Leserunde quasi durchhalten musste.

Würde ich das Buch weiterempfehlen? Könnte ich die Frage beantworten, hätte ich nicht diese über eintausend Wörter lange Rezension geschrieben, schätze ich. Die kleinen Wunder von Mayfair hat mich mitgerissen, aber es mir auch nicht gerade leicht gemacht, seine guten Seiten zu entdecken. Dass das Buch einen Eindruck bei mir hinterlassen hat, kann ich allerdings nicht leugnen.

Fazit

Die kleinen Wunder von Mayfair hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Die Geschichte hat ebenso oft einen Nerv getroffen, wie sie sich in die Länge gezogen hat – es ist dennoch ein sehr spannendes Konzept, das mit Realität und Fiktion, mit Magie, Eskapismus und einer weniger gnädigen Außenwelt spielt.

Die kleinen Wunder von Mayfair ○ Hardcover: 464 Seiten ○ Einzelband ○ Knaur HC ○ 20€*


Vielen Dank an Droemer Knaur und Lovelybooks für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!


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3 comments / Add your comment below

  1. Hi Isabella,

    was für eine wunderbare Rezension. Ich verstehe deinen gemischten Gefühle und hatte mir auch vorgestellt, dass der „alte“ Spielzeugmacher mehr Raum bekommt und ich habe das Buch noch nicht mal gelesen. Auch Cathy als Protagonistin sollte mehr sein als die werdende Mutter.

    Liebe Grüße Tina

  2. Oh wow, das Buch klingt ja echt wie eine Achterbahnfahrt. Ich hatte das Buch irgendwie so gar nicht auf dem Schirm, habe es nur ein paar Mal auf Instagram gesehen und bin zugegeben neugierig geworden, als du dort geschrieben hast, dass du die erste Hälfte nicht so wirklich mochtest und die zweite um Welten besser fandest. Das ist ja doch etwas, was einem recht selten passiert, meistens ist es ja doch irgendwas an dem ganzen Buch, das einen stört, wie ein bestimmter Charakter oder ein Schreibstil und ich war echt am Überlegen, ob mir ein Buch einfällt, bei dem ich einen ähnlichen Effekt hatte, aber im Moment komme ich tatsächlich auf keines. Bei mir ist es häufig lustigerweise andersherum, ich mag oft den Anfang lieber, weil dort alles eingeführt und Spannung aufgebaut wird und die zweite Hälfte dann weniger, weil mir alles zu lange dauert oder der rote Faden sich verliert oder etwas passiert, das ich nicht leiden konnte. Andersherum habe ich das denke ich echt selten, weil ich das Buch bevor ich zum guten Teil kommen vermutlich abbrechen würde 😀 Kommt aber ja auch immer auf das Buch an.
    Ich fand deine Rezension jedenfalls echt spannend, obwohl sie mich eher davon abhält zu dem Buch zu greifen, ich glaube das ganze Konzept trifft nicht so meinen Geschmack und ich befürchte wenn es mir ähnlich gehen sollte wie dir würde ich die erste Hälfte nicht durchhalten 😀

    Alles Liebe,
    Katharina

    1. Ich kann deinen Gedankengang sehr gut nachvollziehen, ich habe bisher auch nur Bücher gelesen, die anfangs toll waren und danach (drastisch) abnahmen. 😀 Deshalb bin ich ja auch so hin- und hergerissen, weil selbst ich das Buch am liebsten aufgegeben hätte, wäre es eben nicht für die Leserunde gewesen. Aber ich glaube, grundsätzlich ist es kein Buch, das man gelesen haben *muss* – also widme dich lieber anderen, die von Anfang bis Ende begeistern können 😀

      Alles Liebe
      Isabella

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