Averno von Louise Glück

Wie spricht – oder schreibt – man über Lyrik? Man kann sich über die Form an den Inhalt herantasten; kann Themen identifizieren und ihre (Dis-)Kontinuität beschreiben; oder aber man wählt einen subjektiven Zugang, wie habe ich mich bei der Lektüre gefühlt?

Bei Louise Glücks Averno (2006; dt. 2007) wollte nichts von alldem so recht funktionieren. Macht nichts, dachte ich mir: Oft genug bin ich schon Texten begegnet, die sich mir nicht auf einen ersten oder zweiten Blick erschlossen haben. Abhilfe schuf meist, über die Texte zu lesen, sich über die Interpretationen anderer Stück für Stück einen Zugang zu erarbeiten. Oder wenigstens dabei zu erkennen, wieso sie von anderen geschätzt werden.

Nur wollte auch das nicht so recht funktionieren. Und es ist ungemein frustrierend, denn Louise Glücks Lyrik ist spätestens seit dem Literaturnobelpreis, den sie letztes Jahr erhielt, in aller Munde, und sie wird überwältigend positiv rezipiert. Dahingegen blätterte ich Stunde um Stunde durch die Gedichte und suchte nach einem Funken, der nicht auf mich übersprang. Aber immerhin stellte sich langsam doch ein grobes Verständnis ein, sodass diese Rezension (hoffentlich) nicht ein einziger Haufen von Frustration und Unverständnis und Vielleicht-bin-ich-nicht-intellektuell-genug ist.

Am Anfang von Averno steht folgender Epigraph: „Averno. Antiker Name Avernus. Ein kleiner Kratersee, zehn Meilen westlich von Neapel, der bei den alten Römern als Eingang in die Unterwelt galt.“ (S. 9) Ganz konkret tauchen später sowohl ein Gedicht mit dem Titel Kratersee als auch ein Zyklus namens Averno auf, impliziter, aber darum nicht weniger eindringlich, führt dieser Epigraph in vielleicht den zentralsten Themenkomplex des Bandes ein: Tod und Leben und was sie voneinander trennt. Damit verknüpft sind die Erfahrungen der Liebe, des Erinnerns, der Trauer und des Denkens, überhaupt Grenzerfahrungen.

„death cannot harm me / more than you have harmed me, / my beloved life.“
„der Tod kann mich nicht mehr / verletzen, als du mich verletzt hast, / mein geliebtes Leben.“
(S. 24/25)

Doch auch wenn ich diese Aspekte identifizieren konnte, räsonierte Glücks Umgang mit ihnen nicht unbedingt mit mir. Es gab immer mal wieder ein paar Verse, die mich positiv überraschten, aber im Großen und Ganzen blieben viele der Gedichte – trotz ihrer täuschend zugänglichen Sprache – ein Rätsel für mich. Mehrmals machte ich die Erfahrung, dass eine Strophe sich von der vorangehenden vollkommen unterschied oder das lyrische Ich regelrecht in das Gedicht hereinbrach und mir unmöglich zu verorten schien: inhaltlich und formal kämpfte ich um Anknüpfungspunkte, um die Suche nach einem Sinnzusammenhang. Und fand ihn oftmals nicht. Obwohl man auch das wieder interpretatorisch nutzbar machen könnte – doch ob es Glück darum geht, eine grundlegende Entfremdung von der Welt zu zeichnen, voller dissoziativer Versatzstücke und einer unüberbrückbaren Distanz zwischen Vergangenheit und Zukunft, wage ich dann doch zu bezweifeln.

Es gab jedoch ein Thema – wenngleich sich auch das eindeutig auf den Leben-Tod-Komplex zurückführen lässt –, bei dem ich Glücks Behandlung fast durch die Bank genoss: ihre Re-Lektüren, Umschreibungen und Interpretationen des Persephone-Mythos, die sich unter anderem mit Machtverhältnissen und Genderrollen beschäftigen. Darunter finden sich auch einige Gedichte, in denen Persephone nicht explizit auftaucht und doch irgendwie präsent ist, was mir ungemein gut gefallen hat.

„Regarding / incarceration, she believes // she has been a prisoner since she has been a daughter.“
„Was Einkerkerung / angeht, glaubt sie, // dass sie, als Tochter, von Anfang an eine Gefangene war.“
(S. 40/41)

Wie ihr schon gesehen habt, ist die Ausgabe des Luchterhand-Verlages zweisprachig: Der Übersetzung von Glücks Gedichten hat sich Ulrike Draesner angenommen, und es war spannend, nach der Lektüre des englischen Textes den deutschen hinzuzuziehen. Die Übersetzung half nicht nur bei Vokabel-Unsicherheiten, sondern ließ mich noch einmal ganz anders auf die Gedichte blicken, wenn Draesner etwas anders übersetzte, als ich es erwartet hätte, und ich mir Gedanken machte, ob ich das passend fand. Dabei gilt selbstverständlich, was Draesner in diesem Nachwort zu Glücks Lyrikbänden selbst sagt: „Übersetzung ist Interpretation. Mit jedem Atemzug.“ In kreativen Texten gibt es wohl nie eine richtige Übersetzung. Draesners Perspektive auf Glücks Gedichte mitzulesen, war jedoch auch spannend und lehrreich. Und die Lektüre des verlinkten Nachworts kann ich euch nur empfehlen – es ist ein ungemein faszinierender Text für sich.

Im Großen und Ganzen habe ich die Lektüre von Glücks Gedichten nicht so sehr genossen, wie ich erwartet habe, dennoch war es eine Erfahrung, sich damit auseinanderzusetzen – auch wenn ich mir eingestehen musste, dass ich mich um manche Gedichte noch so sehr bemühen konnte und trotzdem keinen Zugang dazu fand. Aber vermutlich ist das manchmal einfach so, und wenn auch die Kontexte ganz anders sind, entdeckte ich dazu ein paar schöne Verse bei Glück:

„I want it / to be my fault / she said / so I can fix it –“
„ich will, dass / es meine Schuld ist, / sagte sie, / dann kann ich es reparieren –“
(S. 122/123)

Averno ⚬ übersetzt von Ulrike Draesner ⚬ Hardcover: 176 Seiten ⚬ Luchterhand ⚬ 16€ ⚬

Vielen Dank an Luchterhand für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Du magst vielleicht auch

2 Kommentare

  1. Hey, schön wieder eine Rezension von dir zu lesen. Ich finde es sehr schwierig, Lyrik zu rezensieren, damit tue ich mich auch sehr schwer. Denn, wie du sagst, findet man einen Zugang zu den Gedichten oder eben nicht.

    Liebe Grüße und einen schönen 2. Advent,
    Zeilentänzerin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.