Die Erfindung der Hausfrau: Geschichte einer Entwertung von Evke Rulffes

In Die Erfindung der Hausfrau zeichnet Evke Rulffes die Entwicklung von der Hausmutter zur Hausfrau, „von der Herrin im Haus zur Dienerin am Mann“ (Klappentext), nach und arbeitet sich, ausgehend von der Verdrängung der Frauen aus den mittelalterlichen Zünften, in die Gegenwart vor. Ihr Anliegen ist es, bei allem historischen Wandel Konstanten und Muster aufzuzeigen, die uns auch heute noch begegnen. Dass es sich bei dem Buch jedoch um ein „Plädoyer für mehr Gerechtigkeit und Wertschätzung von Care- und Hausarbeit“ handele, wie es auf der Website des Verlags heißt (und wie auch im Buch behauptet), hat zumindest bei mir falsche Erwartungen geweckt. Denn gewiss zeigt Rulffes auf, dass Care- und Hausarbeit eigentlich zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise wertgeschätzt wurden – ein ausführlicheres, gegenwartsbezogenes Plädoyer findet sich allerdings nur auf den letzten Seiten des Buchs, und es taucht geradezu irritierend abrupt auf.

Doch noch einmal ein paar Schritte zurück: Evke Rulffes hat Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Niederländische Philologie studiert und 2018 eine Dissertation über Die angewiesene Frau. Christian Friedrich Germershausens Hausmutter: Anleitungsliteratur für den Haushalt in der Spätaufklärung vorgelegt. Warum ich das hier ausführe? Weil sich Die Erfindung der Hausfrau überwiegend an Germershausens Hausmutter in allen ihren Geschäfften (1778–1781), einem fünfbändigen Ratgeber und dem Schwerpunkt von Rulffes‘ Dissertation, abarbeitet. Nicht, dass das per se etwas Schlechtes wäre: Es war nur gegenläufig zu meinen Erwartungen an das Buch. Anstatt eines einigermaßen ausgewogenen historischen Überblicks las ich eine detaillierte Auseinandersetzung mit einem Einzelwerk, andere Epochen und Werke wurden hingegen im Schnelldurchlauf abgewickelt. Ich habe nur stichprobenartig in Rulffes‘ Dissertation hineingelesen, erkannte aber sofort vertraute Passagen wieder.

Das heißt jedoch nicht, dass das, was die Autorin rekapituliert, nicht spannend wäre: Sie macht sehr deutlich, dass der „Begriff der Hausmutter“, der „heutzutage nur noch abwertend verwendet [wird], als ‚Hausmütterchen‘, doch früher […] für etwas anderes [stand], er war ein Herrschaftsbegriff.“ (S. 63) Denn die Hausmutter des 18. Jahrhunderts musste das Haus nach außen hin vertreten, und dafür musste sie es bis in den kleinsten Winkel kontrollieren, Anweisungen geben, Einblick in die Finanzen haben und sichergehen, dass Standesgrenzen nach unten und nach oben hin eingehalten wurden. Für repräsentative Fauxpas wurde automatisch sie verantwortlich gemacht – Germershausen benutzt die abschreckende Anekdote eines Mannes, der zum Trinker wurde, weil die Frau nicht rechtzeitig Anweisung gegeben habe, das Mittagessen zuzubereiten, sodass der Mann aus Hunger zu Butterbrot und Alkohol greifen musste.

Es vollzieht sich jedoch ein „Wandel von der Figur der Hausmutter als tatkräftiger, zum Vermögen des Hauses produktiv beitragender Hälfte des Arbeitspaares zur Figur der bürgerlichen Hausfrau, deren Aufgaben als durchweg reproduktiv angesehen werden“, und dieser Wandel „verläuft über die Schnittstelle der Figur der Mutter.“ (S. 208) Ende des 18. Jahrhunderts wurde es zunehmend verpönt, die Kinder nicht selbst aufzuziehen, ganz gleich, wie viele andere Verpflichtungen die Hausmutter hatte. Das preußische Allgemeine Landrecht von 1794 schrieb sogar vor, dass Mütter ihre Kinder selbst stillen sollen – und, besonders absurd, dass der Ehemann zu bestimmen habe, wie lange gestillt werden solle (vgl. S. 178f.).

Von nun an wuchs die Liste an Aufgaben, die auf die Hausmutter zukamen, stetig: Mit dem bürgerlichen Ideal der Liebesehe, „das sich seit Aufklärung und Romantik vor ökonomische Gründe für die Ehe geschoben hatte, verpflichtete die Ehefrau dazu, die häusliche Arbeit ohne Erwartung einer Gegenleistung als ‚Liebesdienst‘ zu versehen.“ (S. 234) Denn umso stärker sich die Kernfamilie herausbildete, desto mehr externe Arbeitskräfte fielen weg – und die nun anfallenden Aufgaben wurden nicht etwa auf das Ehepaar verteilt, sondern blieben in der Regel an der Frau hängen. Schlimmer: Ihre Arbeit wird „nicht mehr als produktiv, sondern nur noch als reproduktiv wahrgenommen – nur noch dann sichtbar, wenn sie nicht ausgeführt wird.“ (ebd., S. 236) Dass diese Dynamik oftmals auch noch in der Gegenwart allzu präsent ist, liegt auf der Hand.

Wie hoffentlich ersichtlich wurde, enthält Die Erfindung der Hausfrau wertvolle Anhaltspunkte. Gleichzeitig hätte ich mir, wie bereits gesagt, eine ausgewogenere inhaltliche Gestaltung gewünscht. Dies schlägt sich auch in der Struktur des Buchs nieder, die eigentlich chronologisch ist, sich aber in zahlreichen Unterkapiteln in Anekdoten aus Germershausens Hausmutter verliert. Diese sind zwar unterhaltsam, schaden aber der Stringenz der Argumentation. Nicht zuletzt deswegen ist Die Erfindung der Hausfrau ein Sachbuch, das nicht unbedingt für zwischendurch ist, sondern durchaus etwas anspruchsvoller, dafür aber auch quellengesättigt. Zweifellos habe ich einiges gelernt.

Wenn ihr grundsätzlich feministisch oder auch schlichtweg kulturwissenschaftlich interessiert seid und nichts dagegen habt, hin und wieder nach dem roten Faden zu suchen oder einen Absatz mehrmals zu lesen, dann könnte Die Erfindung der Hausfrau etwas für euch sein. Ansonsten ist es gewiss auch schon lohnenswert, einen Blick in die Dissertation von Evke Rulffes zu werfen.

Die Erfindung der Hausfrau: Geschichte einer Entwertung ⚬ Hardcover: 288 Seiten ⚬ HarperCollins ⚬ 20€ ⚬

Vielen Dank an HarperCollins für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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