Du gehörst uns! von Christian Montag

Die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat & Co – und wie wir uns vor der großen Manipulation schützen ziert den Untertitel von Du gehörst uns! – ein ganz schön umfangreiches Programm. Einleitend führt Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, sein Vorhaben etwas genauer aus. Einerseits will er in dem Sachbuch „aus psychologischer Perspektive verschiedene App-Elemente [untersuchen] […], um darzustellen, wie Online-Plattformen es schaffen, uns immer wieder auf ihre Angebote zurückkehren zu lassen.“ (S. 14) Andererseits bemüht er sich um „einen differentiell-psychologischen Blick auf verschiedene menschliche Eigenschaften, um zu verstehen, warum bestimmte Personengruppen besonders stark auf bestimmte App-Elemente reagieren.“ (S. 14) Kurzum: Die Lektüre des Buchs soll zugänglicher machen, warum man an diversen Applikationen des Internets hängen bleibt, aber auch den umgekehrten Blick einnehmen und fragen, welche Persönlichkeitseigenschaften zu welcher Internetnutzung verleiten.

Nie wieder horrende Bildschirmzeiten?

Ich gebe ganz ehrlich zu: Mein Anliegen, dieses Buch zu lesen, war schiere Verzweiflung. Bisher konnte mir kein Artikel nahebringen, warum es mich tangieren soll, was mit meinen Daten im Internet passiert. Es gibt keinen Tipp für eine gesündere Smartphone-Nutzung, den ich nicht ausprobiert habe. Deshalb, dachte ich mir, muss ich vielleicht einfach die Blickrichtung ändern und verstehen, weshalb genau ich eigentlich so gerne an TikTok und Co. zahlreiche Stunden meines Tages abtrete. Ich habe also gewiss kein Heilmittel erwartet, aber doch gehofft, mir ein paar neue Impulse aus Du gehörst uns! mitzunehmen. Leider ist das, um so viel vorwegzunehmen, nicht wirklich geschehen.

Eins meiner zentralen Probleme mit dem Buch ist, dass sich die Aufmachung – insbesondere der Untertitel – um einiges reißerischer verkauft (vermutlich auch verkaufen muss), als der Inhalt zulässt. Montag erklärt nämlich nicht, wie ich erwartet habe, detailliert die Wirkmechanismen diverser Apps. Er nimmt sich auch nicht sonderlich viel Raum für Ratschläge, wie man den eigenen Umgang mit den sozialen Medien verbessern kann. Vielmehr ist das Buch eine etwas unausgeglichene Mischung aus einer Einführung in die Persönlichkeitspsychologie, Meta-Kommentaren zu Forschung und scheinbar zufälligen Anekdoten aus Montags (Privat-)Leben.

Dazwischen findet sich gewiss der ein oder andere spannende Gedanke. Zum Beispiel spricht Montag vom Daten-Geschäftsmodell: die großen Plattformen verlangen kein Geld von uns, wir zahlen mit unseren Daten, was unter anderem wiederum dazu führt, dass wir mehr Zeit auf den Plattformen verbringen, eben weil sie so gut auf uns abgestimmt sind. Denn „Technologien werden besonders dann genutzt, wenn sie menschliche Grundbedürfnisse befriedigen“ (S. 44), erläutert Montag. Gemeint sind damit hedonic, social und utilitarian gratification – Apps sind also besonders reizvoll für uns, wenn sie Spaß bereiten, soziale Bedürfnisse erfüllen oder einen Mehrwert für uns haben (wie Google Maps). Auch Ausführungen zu Internetnutzungsstörungen und warum der Sucht-Begriff mit Vorsicht benutzt werden sollte, um Alltagshandlungen nicht zu pathologisieren, fand ich sehr einleuchtend.

Neben diesen paar Neuigkeiten blieb allerdings nicht sonderlich viel von der Lektüre bei mir hängen. Auch die Forschungsergebnisse von Montag und seinem Team sowie diversen anderen Forscher*innen fand ich, ehrlich gesagt, wenig reizvoll, da in den Studien überwiegend lediglich eine Korrelation und keine Kausalität festgestellt werden konnte. Das heißt: Vielleicht ist eine eher neurotische Person zu einer bestimmten Social-Media-Nutzung verleitet. Genauso gut ist möglich, dass eine bestimmte Social-Media-Nutzung eine Person neurotischer macht. Das macht auch Montag transparent und es ist klar, dass für viele Studien schlichtweg die Ressourcen – sowohl Geld für unabhängige Forscher*innen als auch Daten von den großen Konzernen – fehlen. Dennoch wusste ich meistens nicht so richtig, was ich mit den Ergebnissen anfangen sollte bzw. welchen Mehrweit sie für mich haben. Da ich allerdings vor etwa sechs Jahren genau ein Semester lang Psychologie studiert habe und mit naturwissenschaftlicher Forschung absolut nichts anfangen kann, darf man meine Einschätzung ruhig mit einem Körnchen Salz lesen.

Wer bist Du?

Mein zweites großes Problem mit Du gehörst uns! ist, dass ich mich immer wieder (erfolglos) fragte, wer eigentlich die Zielgruppe für das Buch sein soll. Montag arbeitet mit wissenschaftlichen Studien (die er akribisch in Fußnoten nachweist) und erklärt zuweilen komplexe Theorien. Dabei hatte ich das Gefühl, dass manche Begriffe über-, andere wiederum untererklärt wurden, sodass ich Kernkonzepte nicht immer nachvollziehen konnte. Dann wiederum gab es die bereits oben erwähnten Passagen, in denen Montag irgendwelche Anekdoten aus seinem eigenen Leben einstreut. Diese kommen zwar in einem fröhlichen Plauderton daher, haben oftmals aber keine oder kaum eine Verknüpfung mit den Informationen, die Montag im Folgenden einbringt. Manchmal kam es schlichtweg so rüber, als würde er sagen wollen: Schau mal, was ich alles schon erlebt habe! Und das mag gewiss stimmen, er war zum Beispiel eine Weile Visiting Professor an der University of Electronic Science and Technology of China. Aber ob ich jetzt lang und breit von Montags Trip in den Silicon Valley hören muss und ob alles in Laufweite war und ein Foto von der ‚Geburtsstätte des Silicon Valleys‘ (natürlich aufgenommen von ihm selbst) zur Illustration benötige … ich weiß ja nicht.

Es fällt mir also schwer, zu empfehlen, wer von der Lektüre des Buchs profitieren könnte – manchmal erschien es mir für Laien zu hoch gegriffen und eher ein Überblick für Forschende zu sein, dann wiederum war es so überschattet von Montag selbst, dass die Nutzer*innen auch wieder irgendwo verschwanden. Letzteres fand ich auch in Hinblick auf die Lösungsvorschläge, die Montag präsentiert, enttäuschend. Letztendlich macht er Vorschläge für eine staatliche Regulation der Plattformen, oder zumindest für soziale Medien, deren Nutzung kostet, aber die dafür keine Daten von ihren Nutzer*innen erheben (müssen). Und das sind alles gewiss sinnvolle Vorschläge (ich hätte auch nichts dagegen, wenn meine GEZ-Gebühren für all die öffentlich-rechtlichen Medien, die ich nicht nutze, auf eine staatliche Social Media-Plattform umverteilt werden würden), aber, seien wir ehrlich, auch sehr hoch gegriffene. Ähnlich wie bei anderen globalen Problemen sehe ich mich mit der Tatsache konfrontiert, dass es eben keine (sinnvollen) staatlichen Eingriffe gibt, sodass ich entweder verzweifeln oder mir einreden kann, zumindest selbst mein Verhalten zu regulieren. (Hierher kommt auch meine Indifferenz, was mit meinen Daten passiert.)

Womit wir im Falle von Du gehörst uns! wieder ganz am Anfang befinden. Bevor ich diese Rezension getippt habe, habe ich bei Instagram auf einen Werbelink geklickt und einer Website diverse Daten von mir überlassen. Mir ist, das hat sich definitiv durch die Lektüre geändert, dabei sehr bewusst gewesen, dass ich diese Daten gerade mit irgendeinem Konzern teile. Aber das hat mich auch nicht davon abgehalten. Das Ausschalten von Benachrichtigungen und nachts das Handy im Nebenzimmer zu lassen, wie Montag es vorschlägt, hat schon seit Jahren keinen Effekt (mehr) bei mir. Also werde ich wohl weiter über meinen Umgang mit den sozialen Medien grübeln – oder mir wiederholt eine Frage stellen, die Montag selbst aufwirft: „Vielleicht ist es einfach das neue ‚Normal‘, wenn zig Milliarden Menschen mit fiebrigen Augen auf das Smartphone starren?“ (S. 243)

Fazit

Du gehörst uns! macht viele Versprechungen, hält aber kaum welche. Womöglich verstehe ich nun minimal besser, welche psychologischen Strategien benutzt werden können, um Nutzer*innen ans Internet zu fesseln – einen Ausweg aus dieser großen Manipulation, wie es alles im Untertitel heißt, sehe ich aber immer noch nicht so richtig. Das Buch bietet eine seltsame Mischung aus beinahe prahlerisch anmutenden Anekdoten, zu komplizierten oder übererklärten Konzepten und hat mich letztlich nicht wirklich bereichern können. Außerdem findet sich alles, was der Autor in dem Buch verrät, auch in wesentlich kompakterer Form in diversen Interviews.

Du gehörst uns! Die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat & Co – und wie wir uns vor der großen Manipulation schützen ⚬ Klappenbroschur: 416 Seiten ⚬ Blessing ⚬ 20€ ⚬

Herzlichen Dank an Blessing für das Rezensionsexemplar!

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