Die drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein

Inhalt

Die drei Leben der Hannah Arendt befasst sich mit dem Leben Arendts, von jüngster Kindheit an bis zu ihrem Tod. Strukturiert ist das Buch nach den Fluchten Arendts, erst nach Frankreich und später dann in die USA, wo sie die Hauptwerke ihres Lebens schrieb und publizierte und zu einer der größten Denkerinnen ihrer Zeit wurde.

Meine Meinung

Das mit Arendt und mir war purer Zufall: Letztes Semester hatte ich ein Seminar, das sich mit Repräsentationen des Bösen auseinandersetzte, und für eine Stunde hatte der Dozent ein Kapitel aus Arendts Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft (1951; dt. 1955) vorgesehen. Der Text beeindruckte mich ungemein – die Präzision, mit der sie schrieb, die Aktualität ihrer Worte -, und noch vor Ende des Semesters hatte ich Die Freiheit, frei zu sein (ca. 1963; dt. 2018 posth.) gelesen und Über das Böse (1965; dt. 2006 posth.) noch dazu. (Für meine mündliche Prüfung war ich quasi übervorbereitet.) Arendt ließ mich nicht mehr los. Egal, was ich von ihr las, ich war immer wieder auf ein Neues überrascht, wie zugänglich ihre Worte doch waren. Dass sie sich nicht in Abstraktionen verloren, sondern ich tatsächlich etwas für meine Gegenwart daraus gewinnen konnte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich hörte, dass dtv eine Graphic Novel zu Hannah Arendt publizieren würde, war ich ziemlich aus dem Häuschen. Ich war gespannt, mehr über ihre biographischen Hintergründe zu lernen; gleichermaßen hoffte ich, dass sie dadurch neuen Leser_innen nahegebracht werden könnte. Ken Krimstein vermerkt in seinem Nachwort, er wollte „eine neue Leserschaft an Hannah Arendts bewegtes Leben heranführ[en]“ und sie dazu bringen, „sich direkt mit ihrem Denken auseinanderzusetzen.“ (Krimstein, Die drei Leben der Hannah Arendt, S. 234) Leider habe ich auch Tage nach Beenden der Graphic Novel immer noch nicht das Gefühl, dass er auch nur eines der beiden Ziele richtig erreicht hat.

Wenn ich ehrlich bin, erweckt ein Großteil der Graphic Novel den Eindruck, konsequent durch einen Male Gaze geschrieben und illustriert geworden zu sein. Krimstein erachtet es für erwähnenswert, dass Arendt nach ihrer Pubertät aus ihrem „Kokon“ (S. 25) schlüpft und stellt sie dementsprechend aufreizend dar. Auf derselben Seite muss er erwähnen und darstellen, mit wem und wann sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat. Dass Arendt bei Jaspers studiert, wird in einem einzigen Panel erwähnt, was sehr verwunderlich ist, wo sie doch in ihrem berühmten vielzitierten Interview (1964) mit Günter Gaus damit schließt, dass Jaspers nicht nur ihren Zugang zu den Begriffen der Vernunft und der Freiheit entscheidend geprägt hat, sondern auch eine Art Vaterfigur für sie darstellte, nachdem ihr Vater früh gestorben war. Dass sie bei ihm ihre Dissertation zum Liebesbegriff bei Augustin schreibt – mit 22 Jahren! -, wird nicht thematisiert.

Überhaupt ist es faszinierend, wie wenig es in einer Graphic Novel über Arendts Leben tatsächlich um Arendt geht. Im Vordergrund steht neben einer beachtlichen Menge Namedropping all der ‚wichtigen‘ Männer, die ihr jemals begegnet sind, vor allem Martin Heidegger. Krimstein setzt sich dabei ausführlich mit Heideggers Philosophie auseinander (wenn auch so kryptisch, dass ich die Referenzen erst dann verstand, als ich in einem Seminar darüber lernte), vor allem aber mit der Beziehung zwischen Heidegger und Arendt. Neben zahlreichen Sexszenen – wo natürlich nur Arendt nackt gezeigt wird und Heidegger sittlich verhüllt bleibt – lenkt Krimstein vor allem das Augenmerk darauf, dass Arendt, egal, wann wie wo, nie von Heidegger loskommt, sich stets nach ihm sehnt, ihre Bedeutung von ihm abhängig macht. In demselben Panel, welches enthüllt, dass ihre Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in über 40 Sprachen übersetzt wurden, wundert sie sich, nichts von Heidegger gehört zu haben, und fragt sich ernsthaft, ob ihr „Denken nicht weit, nicht tief genug“ (S. 171) ging. Dass Arendt lange mit ihrer Liebe zu Heidegger gerungen hat, ist richtig, aber warum sollte man ausgerechnet in diesem Moment den Fokus darauf legen? Damit wird das Bild einer Frau gezeichnet, die sich selbst in ihren größten Erfolgen einem Mann unterordnet, ihm hinterherweint – ein Bild, und das ist hier das ausschlaggebende Problem, das Krimsteins Interpretation und Fokussetzung entspringt und in seiner Häufigkeit und Nachdrücklichkeit ganz schön verzerrend wirkt und bei mir einfach nur einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat.

Arendt tritt damit in einem Buch, das vorrangig ihrem Leben gewidmet werden soll, größtenteils hinter den Männern in ihrem Leben zurück. Das geht so weit, dass Krimstein sogar mit der Ich-Perspektive bricht, um zu Heideggers Perspektive zu wechseln und darzustellen, wie sehr doch auch er sich nach Arendt sehnt. Zusammen mit einem Panel, in welchem Arendt sich Heidegger als Superheld imaginiert (vgl. S. 197), grenzt die Heidegger-Darstellung schon gefährlich nahe an eine Heroisierung. (Was nicht heißen soll, dass man Heideggers Werk aufgrund seines Bekenntnis zum NS nicht mehr rezipieren soll; aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Werk und der Person, und bei Krimstein sind die Darstellungen längst nicht mehr klar zuzuordnen.)

Was die Lektüre doppelt bitter macht, ist die Tatsache, dass Krimstein, wenn er sich denn mal Arendts Werk widmet, dies wirklich gut tut. Insbesondere von ihrer Vita activa (1958; dt. 1960) werden viele Kerngedanken aufgegriffen, aber auch der Eichmann-Prozess (1961), dem sie als Journalistin beiwohnte, wird präzise und kompetent erklärt. Dadurch liegt der Eindruck nahe, dass er sich bewusst dagegen entschieden hat, den Fokus stärker auf sie zu legen. Und das … ist traurig.

Krimsteins Zeichenstil gefällt mir grundsätzlich gut; er hat etwas Rustikales an sich, etwas Gehetztes, das gut zu der Geschichte passt. Leider sieht es manchmal so aus, als wären manche Zeichnungen mit copy und paste dupliziert worden, die dadurch etwas lieblos wirken. Krimstein schafft es jedoch, der Graphic Novel eine Atemlosigkeit zu verpassen, wodurch sie sich schnell lesen lässt. Und selbstverständlich gibt es die seltenen Momente, in denen Arendt im Vordergrund steht, wagemutige Fluchten auf sich nimmt und ihre eigenen philosophischen Ideen entwickelt, wo man als Leser_in daran erinnert wird, was für eine über die Maßen beeindruckende Denkerin Arendt doch war. In Anbetracht der anderen Kritikpunkte ist das jedoch ein schwacher Trost.

Fazit

Auf Die drei Leben der Hannah Arendt hatte ich mich sehr gefreut, leider hat mich die Graphic Novel umso mehr enttäuscht. Viel zu oft hatte ich das Gefühl, dass Hannah Arendt nur auf ihre Beziehung zu Heidegger oder ihre Begegnungen mit anderen Männern reduziert wird und ihre Gedanken, Erlebnisse und Leistungen nahezu vollkommen dahinter zurücktreten. Krimstein liefert damit eine sehr subjektive Interpretation (die Anmerkung zur bewussten Unwissenschaftlichkeit der Interpretation ist speziell als Anmerkung zur deutschen Ausgabe überschrieben) von Arendts Leben, deren Repräsentativität ich anzweifeln würde. Wer Arendt und ihre Gedanken ungefiltert kennenlernen möchte, sollte es vielleicht lieber mit Die Freiheit, frei zu sein* zum Einstieg versuchen.

Vielen Dank an dtv für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Die drei Leben der Hannah Arendt ○ übersetzt von Hanns Zischler ○ Klappenbroschur: 244 Seiten ○ 16,90€*


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