Neujahr von Juli Zeh

Content Warnung: Panikattacken, Erwähnung von Essstörung

Inhalt

Henning, seine Frau Theresa und ihre Kinder Bibbi und Jonas verbringen einen zweiwöchigen Urlaub auf Lanzarote, der so weit ganz gewöhnlich scheint. Zwar leidet Henning schon länger unter nächtlichen Panikattacken, die er allerdings vertuscht und die auch von seiner Frau nicht ernstgenommen werden, aber selbst von diesen bleibt er bisher eher verschont. Bis der Neujahrsmorgen alles ändert: Henning begibt sich auf eine Radtour, und was er am Ende dieser entdeckt, wird alles verändern …

Meine Meinung

Normalerweise lese ich andere Rezensionen erst, nachdem ich meine eigene verfasst habe, aber als ich Neujahr beendete, war ich ein wenig ratlos. Während ich einen Großteil der Geschichte über dachte, ich wäre mir meiner Interpretation sicher, musste ich diese Haltung auf den letzten ein, zwei Seiten des Buches revidieren. Also schaute ich mich (vor allem im Feuilleton) um und stellte fest: Keine*r weiß so recht, was er*sie über Zehs neustes Werk sagen soll. Die Interpretationen divergieren von solchen, die ich ganz plausibel finde, bis hin zu welchen, die ich vehement (vielleicht sogar empört) ablehnen würde, aber beim Lesen diverser Beiträge wurde mir immerhin klar, wo ich mich selber positionieren würde. Denn diese Breite an Deutungen machte mir auch bewusst, dass ich eine kritischere Haltung zu dem Roman einzunehmen hatte als zuerst angenommen.

Bereits die Struktur von Neujahr ist außergewöhnlich, man könnte fast meinen, man hält zwei Bücher verpackt in einem in den Händen. Während die erste Hälfte den Aufstieg von Hennings Radtour behandelt – und in seinen Reminiszenzen einige Analepsen bereithält –, widmet sich die zweite Hälfte komplett der ‚Entdeckung‘ (ich halte das hier bewusst vage, um nicht zu viel zu verraten) und bildet eine prinzipiell eigenständige Episode, die an sich grausam genug ist, aber erst auf der Kontrastfolie dessen, was die Leser*innen zuvor über Henning erfuhren, für einige Aha-Momente sorgt.

Ich weiß nicht, ob „grausam“ das richtige Wort für die zweite Episode ist – aber sie kommt durchaus einem Psychothriller nahe, bei dem die Einsätze maximal hoch sind und ein Ausweg unmöglich scheint. Hier schafft es Zeh, über mehrere Dutzend Seiten konsequent die Spannung hochzuhalten, sodass ich mit angehaltenem Atem bis in die Nacht hinein las. Während diese zweite Episode auf jeden Fall zur Interpretation der ersten dient, gibt es allerdings immer noch einige Dinge an der ersten, die mir auch im Nachhinein noch Rätsel aufgeben. Parallelen wirken zu konstruiert, bei manchen Dingen bin ich mir nicht sicher, ob lose Fäden vergessen wurden oder ob schlichtweg die Unzuverlässigkeit der Erzählinstanz durchscheint. (Ehrlich gesagt, glaube ich: beides.)

Für die Unzuverlässigkeit spricht definitiv, dass ein großes Thema des Buches Erinnerungen sind – vor allem, wie konstruiert sie sein können. Es gibt Dinge, die Henning zu sehen meint, die sich im Nachhinein als Einbildung darstellen; Erinnerungen, die sich als Lügen entpuppen, und wieder andere, die schlichtweg in der Schwebe gelassen werden. Aber wenn man Henning nicht trauen kann, dann gilt dasselbe für die anderen Figuren, die zwischen einer plakativen Ehrlichkeit und Kommunikationsschwierigkeiten changieren. Neujahr ist eines dieser Bücher, wo niemand so recht sympathisch ist und alle mit ihren eigenen Päckchen die zwischenmenschlichen Beziehungen ganz schön verkomplizieren. Der Roman ist stark psychologisiert; neben Hennings Panikattacken werden auch zahlreiche Blicke auf andere psychische Tiefenstrukturen geworfen, wenn auch nichts davon meines Erachtens so wirklich durchdrungen wird. Vieles bleibt ambig, und nicht nur in der Hinsicht hätte ich mir gewünscht, dass der Roman etwas länger wäre.

Insbesondere Hennings Panikattacken haben mir einiges an Kopfzerbrechen bereitet, weil sie von der Symptomatik her stellenweise an ein Burnout erinnern (was durchaus Sinn machen würde) und irgendwann behauptet wird, er könne die Panikattacken dermaßen gut kaschieren, dass er währenddessen essen, sich normal verhalten etc. könnte, was mir doch sehr fragwürdig erscheint. Da ich allerdings keine Expertin in dem Thema bin, bin ich für allerlei Widerspruch offen. ?Mich verwirrte es zuweilen jedoch sehr, was genau sich denn hinter Hennings ominösem „ES“ verstecken sollte, da es doch sehr (explizit) stark gemacht wird, dass es sich bei „ES“ nicht um ein Burnout handelt.

Da Henning der Protagonist des Romans ist, kommt man bei einer Rezension von Neujahr nicht drumherum, über seine Rolle als Vater zu reden. Er verdient weniger als seine Frau Theresa und soll sich daher mehr um die Kinder kümmern, (was sie ihn spüren lässt, wie es im Roman heißt,) und wechselt zwischen Vaterliebe und einem Bedürfnis, die Kinder an Ort und Stelle loszuwerden. In mehreren Artikeln wird Henning als emanzipierter Vater gelobt und als überforderter Mann bemitleidet, was mich daran erinnerte, wie bedenkenswert ich es finde, dass man es doppelt und dreifach loben muss, wenn Männer an traditioneller Frauenarbeit partizipieren, während Frauen diese Arbeit schon seit Ewigkeiten kommentarlos leisten ¯\_(ツ)_/¯ Dass er sich die Kindererziehung mit seiner Partnerin teilt, macht ihn in meinen Augen zu einem anständigen Menschen, mehr aber auch nicht, und auch seine Überforderung ist gewiss nicht geschlechtsspezifisch oder Ausdruck eines ‚modernen Mannes‘, sondern die eines jeden Menschen, der Kinder großzieht. Zwar könnte ich mich über dieses Thema lang und breit auslassen, aber ich verkneife es mir jetzt mal.

Was man jedoch festhalten muss: Hennings und Theresas Ehe ist konsequent dysfunktional. Am Anfang des Romans flirtet sie vor seinen Augen mit einem anderen Mann, Henning kommuniziert ihr nicht seine Bedürfnisse nach mehr Zeit für sich, überhaupt kommunizieren die beiden überhaupt nicht, und um dem Ganzen das Sahnehäubchen aufzusetzen, ist Theresa irgendwann genervt von den Panikattacken ihres Mannes und sagt ihm, er solle sich zusammenreißen und zu einem Mann werden. Das schreit alles nach einer toxischen Beziehung, wie man sie in Hennings ganzer Familie in jedweder Kombination findet. Wer auf Konfrontation wartet, wird enttäuscht. Der einzige Moment, der dem nahekommt, ist ein Gespräch auf den letzten Seiten zwischen Henning und seiner Mutter, das unglaublich antiklimaktisch und frustrierend ist. Wo mich die zweite Episode noch ungemein mitgerissen hatte, fühlten sich die letzten paar Seiten bestenfalls lauwarm an. Im Nachhinein bin ich mir nicht so recht sicher, was Juli Zeh mit dem Roman sagen wollte. Zweifellos war es spannend, aber das volle Potential wurde nicht ausgeschöpft, der Impetus nicht klar genug formuliert.

Fazit

Neujahr hat mich doch ein wenig enttäuscht. Während mich das Buch während des Lesens großteils emotional mitgerissen hat, hinterließ es letztendlich jedoch eher ein unbefriedigendes Gefühl. Zu viele Dinge wurden mir nur oberflächlich angerissen bzw. behandelt, und so fühlt sich Neujahr letztlich beinahe wie eine Skizze an, die man noch einmal überarbeiten sollte.

Neujahr ○ Taschenbuch: 192 Seiten ○ btb ○ 11€

Vielen Dank an btb und das Bloggerportal für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.